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deadwords » features 11.08.2012
Schlichte Vielfalt auf dem Spektrum-Festival

Am 21. Juli 2012 hatte das Spektrum-Festival in Hamburg-Wilhelmsburg Premiere. Die Veranstalter des Pan-Hip-Hop-Events wurden dem selbstgegebenen Motto „Vielfalt“ gerecht – aber auch dessen Gegenteil.

Das Wort “Spektrum” hat mehr als eine Bedeutung. Eine davon ist Vielfältigkeit. Das sagt zumindest der Duden. Das Gegenteil eines Spektrums ist demnach die Schlichtheit. Der Veranstalter des Spektrum-Festivals – die Hamburger Agentur Kopf und Steine – definiert den Begriff als „Zustand, der nicht auf einen Status beschränkt ist, sondern stufenlos innerhalb eines Kontinuums variieren kann und dessen wichtigster Parameter die Vielfalt ist.“ Dem postulierten Motto wurde man am Elbe-Hafen in Hamburg-Wilhelmsburg, wo seit 2007 auch jährlich das Dockville-Festival stattfindet, mit dem in diesem Jahr erstmals ausgetragenen Spektrum-Festival ebenso gerecht wie dem genauen Gegenteil von Vielfalt: der Schlichtheit.

Im Mittelpunkt stets die Per-
formance der Protagonisten, unabhängig von Tageszeit und Lichtverhältnissen.

Letztere offenbarte sich in der unprätentiösen, minimalistischen Bühnendeko hinter den DJ-Pults und Instrumenten: Keine Projektionsflächen, keine VJ-Produktionen auf Leinwand, keine Graffiti. Im Mittelpunkt stets die Performance der Protagonisten, unabhängig von Tageszeit und Lichtverhältnissen. Schlichtheit als Mehrwert auf dem Spektrum.

Vielfalt offenbarte indes das Line-up: Rapper, Produzenten und DJs fanden ihren Weg aus Deutschland, Luxemburg, Belgien, England und den USA, darunter Teebs, Die Orsons, Retrogott & Hulk Hodn und Robot Koch. Und eigentlich auch Dels aus dem Hot-Chip-Umfeld, wenn er seinen Flug nicht verpasst hätte. So kam es leider auch zu Verwirrung unter den Gästen, als einige Acts nicht zur angekündigten Zeit on stage waren, ihr Set verkürzten oder gar ein Stage Slot unbesetzt blieb.

Warum einem Freestyle von Retrogott & Hulk Hodn beiwohnen, wenn im Zelt gegenüber der US-Amerikaner Teebs eine Live-Show abzieht, die in Bezug auf Virtuosität, Sound und Atmosphäre auf diesem Festival ihresgleichen suchte? Diese Frage stellte sich dieselbe Minderheit, die nach Studenten-Party-Shows à la Die Orsons das vor Fingerakrobatik und Klangvirtuosität strotzende Set eines Teebs offenbar zu schätzen wusste.

Spektakulär war wider Erwarten das Wetter: Sonnenlicht den ganzen regenfreien Juli-Samstag über dem MS-Dockville-Gelände auf Europas größter Flussinsel, während das Abendlicht eine malerische Silhouette aus Hafenkränen, -gebäuden und Laternen schuf. Von den vier Bühnen stach der „Brüllwürfel“ heraus, mit eine Boxenwand aus alten Ghettoblaster, übereinandergestapelt und teilweise umgebaut, mit irren Blinklichtern und goldgelb beleuchteten Spiegelobjekten. Der ganze Raum eingebettet in einen hölzernen Berg aus Baumstämmen, wie auf einem Abenteuerspielplatz. Davor fläzte sich auf Stroh, wer gerade nicht vor der Bühne wippte. Neben angenehm leeren Wiesen tummelten sich andere auf breiten Chill-out-Holzbänken oder mobilen Strohballen.

Fröhliche Gesichter, friedliche Atmosphäre, bouncende Körper: keine Vielfalt offenbarte indes die Stimmung auf dem Spektrum; zum Glück, denn negative Vibes blieben draußen. Nächstes Jahr auf ein Neues!?

http://www.spektrum.ms/
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Foto(s): Bernd Fabritius, Isa Reynolds, Moritz Piehler, Stefan Malzkorn
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