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deadwords » interviews 18.05.2012
Chris Medleigh – Zwischen zwei Welten (Videopremiere)

Du hast bis jetzt noch nichts von Chris Medleigh gehört? Dann wird es höchste Zeit etwas daran zu ändern. Der experimentierfreudige Leipziger hat mit seinem Debüt „The Tree“ einen soliden und vielversprechenden Start in die Beatmaker-Szene gemacht. Mit ausgefallenen Rhythmen und frischen Produktionen erschafft er ein exzellentes Hörerlebnis, dass einen neugierig macht was ihn zu seinen Kreationen inspiriert hat.
Im folgenden Interview erfahren wir unter anderem genau das und weitere Gedanken, zu HipHop, bleibenden Eindrücken von Kanada und, wie wichtig es ist den Ausgleich zwischen Alltag und Musikerleben zu halten.

Außerdem findet Ihr unter dem Interview die Premiere seines neuen Videos „Between Two Worlds“!

DEAD: Stell dich doch einmal vor, für unsere Leser die bis jetzt noch nichts von dir gehört haben. Wer ist Chris Medleigh?

Ich bin auf ständiger Suche nach der, für mich essenziellen “Deepness”.

Chris Medleigh: Ich würde mich selbst als einen in Leipzig aufgewachsenen Produzenten, Beat-Geek oder einfach nur Musikliebhaber bezeichen. Mein Schaffen ist geprägt vom Electo-Funk der 1980er, vom HipHop der 1990er und vom Facettenreichtum der Jahre danach. Dabei bin ich auf ständiger Suche nach der, für mich essenziellen “Deepness”. Meine musikalische Laufbahn begann bereits mit acht Jahren durch den Unterricht im klassischen Gitarrenspiel. Im Verlauf meiner [scherzhaft: noch andauernden] Jugend folgten verschiedene Bandprojekte bei denen ich als Gitarrist und MC agierte, sowie die Auseinandersetzung mit der Musikproduktion am Computer und später an analogen Geräten. Um die Jahrtausenwende herum gründete ich mit guten Freunden die Freestylecombo “Mengoolious Funk” (Drums, Bass, Gitarre, Sax). Durch den Zuwachs der “Funkey4Astmatix” (einem Bläserquartett bestehend aus Posaune, Saxophon und zwei Trompeten) entwickelte sich die Kernkonstellation welche bis heute aktiv ist und Ihr “Liebstes” pflegt.

DEAD: Auf „The Tree” [Hier im DEADreview], deinem im Dezember 2011 erschienenen Album, widmest du einen Track deiner „ersten Liebe“, dem HipHop. Was für eine Bedeutung spielt HipHop für dich heute noch?

HipHop ist für mich Basis!

Chris Medleigh: HipHop ist für mich Basis! Ich würde fast sagen HipHop hat mir die Augen geöffnet und ich habe durch die Kultur sehr nützliches gelernt – für alle Lebensbereiche. Ich bin z.B. selbst viele Jahre als aktiver Writer unterwegs gewesen und habe mitgenommen was einem da so passieren kann. Durch diese Zeit habe ich gelernt zu respektieren und zu wertschätzen, ebenso sich selbst Respekt zu verschaffen. Im Rap geschah jenes analog. Auch wurden nur die fettesten Beats gepickt wenn ein Auftritt anstand – um Eindruck zu hinterlassen und um etwas zu vermitteln. Es ging einfach um das “Battle”… – nach welchem man auch Freundschaft schloss. Reputation, welche “real” und nicht aufgesetzt sein sollte.

Darüber hinaus habe ich beim hören der Musik, beim erblicken von Pieces und Bombings ein richtig gutes Gefühl im Bauch welches durch nichts anderes hervorgerufen wird als das was meine Sinne in diesem Moment wahrnehmen. Diese Art der Vermittlung ist für mich magisch und beruhigend. Aus diesem Grund arbeite ich auch seit ein paar Jahren als Dozent für eine Leipziger Institution die Workshops in Sachen Graffiti, Beatproducing, etc. anbietet. Es ist immer wieder interessant zu sehen wie sich HipHop entwickelt, wer sich angesprochen fühlt und welche Wege plötzlich eingeschlagen werden. Somit ist es für mich eine Art “Schule für’s Leben” die durch den Austausch funktioniert.

DEAD: Neben den instrumentalen Produktionen auf “The Tree”, legst du auch selber (leider nur) zweimal Hand ans Mikro, kannst du dir vorstellen in zukünftigen Projekten öfters deine Stimme zum Einsatz zu bringen?

Chris Medleigh: Ja, definitiv. Bei “The Tree” ging es mir in erster Linie darum, Einblick in die letzten Schaffensjahre zu geben und eine gewisse Stimmung zu vermitteln. Ich denke mehr Vocals hätten davon abgelenkt. Für die Zukunft ist jedoch der Stimmeneinsatz der folgende Schritt. Beim Besuch eines Live-Gigs kann man sich schon eine Kostprobe davon holen. Da ist das Mikro fester Bestandteil meines Equipments.

DEAD: Du hast einige Zeit in Kanada verbracht, in wie fern hat das die Entstehung von “The Tree” und dich persönlich, musikalisch beeinflusst?

Kanada hat den Sound des Albums stark geprägt, diese Erfahrung hat meinen musikalischen Horizont stark erweitert.

Chris Medleigh: Kanada hat den Sound des Albums stark geprägt. Bemerkenswerterweise hat sich durch diese Erfahrung mein musikalischer Horizont stark erweitert. Ich habe dort Möglichkeiten des Cratedigging gehabt wie ich sie wahrscheinlich nicht so schnell wiederfinden werde. So lernte ich z.B. Dj David “Love” Jones kennen der “den” Plattenladen im Hastingsviertel von Vancouver betreibt. Dort verlor ich jegliche Kontrolle über Raum und Zeit… was nicht schlimm war, da keiner auf mich wartete. So oft wie es ging besuchte ich ihn und tauchte ab ins Meer aus Pappe, Papier und Vinyl.

Ich jammte mit kleinen Rockbands, machte Straßenmusik mit meinem kanadischen Mitbewohner, hatte die große Ehre mich bei einem Indianer-Pow-Wow von dem gigantischen Trommelsound hypnotisieren zu lassen, und ging fast jeden Samstag in einen Jazzclub. Dazu kamen die impressiven, landschaftlichen Eindrücke die ich aufgesaugt und verinnerlicht habe. An nennenswerten Produktionen entstand aber nichts. Es war in der Tat eher eine sehr lehrreiche, musikalische Reise mit vielen Testphasen. Als ich nach den zwei Jahren wieder heimkehrte, begann ich alles zu verarbeiten und in langsamen Schritten entstand “Chipsnatching” und darauf folgend “The Tree”.

DEAD: Wenn du die „Beat Making“ – Szene in Übersee mit der in Deutschland vergleichst, gibt es wesentliche Aspekte die uns unterscheiden oder kann man von einer globalen Szene reden, die mehr Gemeinsamkeiten als Gegensätze hat?

Hierzulande ist meiner Meinung nach die Fusion und die Synthese durch die vielen verschiedenen Einflüsse und Stile die Besonderheit.

Chris Medleigh: Nach all dem, was ich in den letzten Jahre beobachtet habe, würde ich behaupten, dass es sich tatsächlich um eine relativ zeitgleiche Entwicklung handelt. Auf z.B. zahlreichen HipHop-Veranstaltungen in der Vergangenheit war ja das “Beatmaking” oft schon das Extra-Gimmick für ein Showcase. Man gewährte so Einblick in das eigene Handwerk mit hohem Unterhaltungswert. Dies konnte ich in Deutschland sowie in Übersee erleben. Ich traf beispielsweise in San Francisco auf Beatmaker vor dem Virgin-Store, begleitet von silber geschminkten Electroboogie-Tänzern. In Edmonton (Kanada) saßen Straßenmusiker mit Akustikgitarren und Loopstations beatboxend auf dem Bordstein. Besucht man dagegen europäische Clubs kann man dennoch einen kleinen Unterschied feststellen, welcher in der Experimentierfreudigkeit liegt. Hierzulande ist meiner Meinung nach die Fusion und die Synthese durch die vielen verschiedenen Einflüsse und Stile die Besonderheit. Verschafft man sich jedoch ein aktuelles Bild der Szene weltweit, kann man nachvollziehen das sich die Differenzen zu Gemeinsamkeiten entwickeln.

DEAD: Die Wahl zur neuen Video-Auskopplung von deinem Album ist auf „Between two Worlds“ gefallen, kannst du uns sagen welche Ideen hinter dem Video stecken und wieso du gerade diesen Titel ausgesucht hast?

Chris Medleigh: Die Wahl fiel auf “Between two Worlds” aus dem einfachen Grund der ständigen Transformation. Zum ersten entschied ich mich für den Song da er nicht HipHop-zementiert ist. Das ist Teil meiner Veränderung. Zum zweiten kam mir die Video-Idee, welche für mich das perfekte Werkzeug war, um meine aktuelle Lebenssituation visuell darzustellen. In sehr inspirierender Zusammenarbeit mit Arvid Wünsch entstand so das Video zur zweiten Albumauskopplung. An dieser Stelle nochmal Props to the Man!

DEAD: Man sieht dich in dem Musikvideo in verschiedenen Rollen deiner Selbst, die versuchen ihre unterschiedlichen Lebensweisen in Einklang zu bringen. Gelingt es dir im wahren Leben auch, diese gegensätzlichen „Welten“ im Gleichgewicht zu halten?

Chris Medleigh: Grundsätzlich schon… nur beeinträchtigt die eine Seite oft die andere. Man spielt die kleinbürgerliche Rolle mit Festanstellung und Alltagsprogramm. Nach 17 Uhr folgt der Garniturwechsel und die Rolle als Künstler der verarbeiten möchte was er erlebt. Oft gelangt man an die Grenzen der Belastbarkeit doch ich möchte behaupten das es mir größtenteils gelingt die Balance zu halten. Ohne dieses Spiel wüßte ich nicht wo ich jetzt stünde und in welcher Form sich meine Kreativität zeigen würde.

DEAD: Resistant Mindz ist dein musikalisches Zuhause, was kann man in nächster Zeit von dem noch recht jungen Label erwarten?

Chris Medleigh: Ich möchte nicht zu viel verraten, denn wir bewegen uns gerade aus den Startlöchern heraus. Um etwas konkreter zu sein: Unser Schaffen wird sich in verschiedene Richtungen bewegen. Das Hauptaugenmerk wird nach wie vor bei den “Beats” liegen. Worüber wir momentan sehr glücklich sind, ist die am 4. Juni diesen Jahres erscheinende Beat Compilation “Closed Expansion” in Zusammenarbeit mit den Jungs von Cascade Records aus Frankreich. Vor ein paar Tagen traf die Testpressung ein und wir alle tragen ein super Gefühl in uns. Darüber hinaus besteht auch der Wunsch den organischen Weg einzuschlagen und wieder öfter zu Instrumenten zu greifen. Was aber genau geschehen wird ist schwer vorherzusagen. Auf jeden Fall ist einiges in Planung und es gibt die “Joker im Ärmel” und die “Früchte die gepflückt werden müssen”. An dieser Stelle ein großes Danke an alle die Resistant Mindz unterstützen! Stay tuned!

Vielen Dank an das DEAD Magazine für die durchaus interessanten Fragen und den Support!

Chris Medleigh – Between two Worlds

http://www.facebook.com/pages/Chris-Medleigh/124851330979616
http://resistantmindz.de/
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