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deadwords » interviews 07.03.2012
20 Jahre Anarchist Academy – Nicht müde

Im März diesen Jahres feiert die Anarchist Academy ihr 20 jähriges Bestehen und wird dann auf zwei Jahrzehnte Rap voller Engagement und Widerstand zurückschauen können. Schon im letzten Jahr hatte sich die Academy nach längerer Pause mit einer neuen EP („Jetset Paranoia“) zurückgemeldet, die es weiterhin zum freien Download gibt. Grund genug für einen Wortwechsel. Bomba und Deadly nehmen Stellung zu aktuellen politischen Geschehnissen und erzählen wie man das Jubiläum zelebrieren will. Dabei schweifen sie weniger in die Vergangenheit und doch ist ihre Erfahrung stets präsent.

Am Ende des Interviews haben wir exklusiv für DEAD Magazine LeserInnen ein Sneak Preview des kommenden Anarchist Academy Albums!

DEAD: Es war länger still um euch. Was sind die Gründe dafür, als Anarchist Academy wieder aktiv zu werden?

Deadly: Naja, ganz einfach der Spaß an der Sache… die Idee geistert schon über zehn Jahre in unseren Köpfen herum. Wir sind aber nie richtig in die Gänge gekommen und haben eher Party gemacht, wenn wir zusammen abgehangen haben, statt Musik. Als wir dann Feature-Anfragen von Chaoze und der Mic Mafia bekamen, kam der Stein wieder in’s Rollen. Dann kam noch La Resistance „dazwischen“ und seitdem arbeiten wir intensiv an neuem Material.

DEAD: Woher kam die Idee für den Titel der neusten EP und was bedeutet „Jetset Paranoia“ für euch?

Bomba: „Jetset Paranoia“ ist ja ein Part aus meinem Text, es kann sich aber jeder einen eigenen Reim darauf machen, wie Deadly und ich auch schon festgestellt haben. Beim Text schreiben hatte ich das Bild von einem “Mitmachwahn” á la “mein Haus, mein Boot,…” etc. im Kopf. Alles muss immer noch neuer, schicker und krasser sein und ganz wichtig: jeder Andere muss das auch bloß sehen.

Jetset Paranoia [...] erzeugte bei mir ein Bild von einer Elite, die sich ihrer Vorherrschafts -stellung nicht mehr sicher sein kann, da es an allen Ecken und Enden zu brodeln anfängt.

Deadly: Wir hatten noch keinen Titel für die EP und so habe ich auf der Suche nach Erleuchtung die Texte durchstöbert. “Jetset Paranoia” sprang dann einfach ziemlich heraus und erzeugte bei mir ein Bild von einer Elite, die sich ihrer Vorherrschaftsstellung nicht mehr sicher sein kann, da es an allen Ecken und Enden zu brodeln anfängt. Und da diese Thematik unseren Songs ja sehr oft zugrunde liegt, hat es einfach super gepasst. Aber es lässt eben auch noch Spielraum für eigene Interpretationen.

DEAD: Mir hat gefallen, dass die neuen Tracks so viel Aussage und Botschaften besitzen wie die Werke aus alten Tagen von Anarchist Academy. Orientiert ihr euch bei der Fertigung von neuen Tracks an Ereignissen auf der politischen und gesellschaftlichen Ebene?

Bomba: Dass einer der MC’s, LJ, in der Stammbesetzung fehlt muss man erst mal verpacken können, ohne sich in Selbstwiederholungen zu verzetteln oder plump zu werden, auch wenn das nicht immer gelingen kann. Wir haben auch zwei Nummern auf dem neuen Album die als direkte Sequels von alten Songs entwickelt werden. Ich denke, dass gerade das Texten einen großen Teil der letzten Jahre geschluckt hat, aber ich finde, dass es sich richtig gelohnt hat. Ich meine damit bei mir z.B. nicht das Texten an sich, sondern eher die Herangehensweise. Ich versuche die Texte etwas zeitloser als früher zu gestalten, als wir noch mit dem Zeigefinger unterwegs waren, deshalb werde ich aktuelle Ereignisse eher schlussfolgernd verwenden. Politik und Party, nur nicht mehr so laut, dafür aber mit lecker Buffet. Da kommen textlich noch ein paar schöne Nummern, inklusive LJ und Babak Feature. Aber ich denke nicht, dass man damit die Kiddies vom Hocker reißen wird. Die pumpen den aktuellen Rap, weil sie es stylischer finden, richtige Skills halt, so mit Gewalt, Sex und Drogen. Die richtig wichtigen Themen halt. Da bin ich froh, dass ich auf meinem kleinen, gemütlichen Rap hängengeblieben bin. Ich hab mir sogar komplett abgewöhnt Schimpfwörter zu rappen. Opa Style halt.

Deadly: Klar werden aktuelle Ereignisse mit einbezogen oder inspirieren uns zu bestimmten Aussagen. Es sind aber eher die Geschehnisse in ihrer Gesamtheit, die dann in unseren Texten reflektiert werden. Wir würden zum Beispiel wohl nie einen Song über zu Guttenbergs gefakte Doktorarbeit machen, bei uns fließt dann eher ein, wie Menschen ihren Status und ihre gesellschaftliche Stellung benutzen um zu manipulieren um den Olymp der Macht noch ein paar Stufen höher zu klettern.

DEAD: Ihr seid dafür bekannt den Kapitalismus anzuprangern. In den letzten zwei Jahren ist das Bankwesen stark in Verruf geraten und die Euro-Krise ist aktueller denn je, ein Bewusstsein für Politik zeigt sich in einigen neueren Bewegungen. Wie beurteilt ihr die aktuelle Lage?

Dass die Menschen wieder auf die Straße gehen, sei es Occupy oder Stuttgart21, kann ich nur begrüßen.

Deadly: Der Kapitalismus ist ja in den letzten 10-20 Jahren nochmal extrem pervertiert, aber globale Zusammenhänge können auch dank des Internets besser erkannt werden. So kann sich jeder selbst ein Bild davon machen, dass der Kapitalismus in seiner jetzigen Form als Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung nicht der Weisheit letzter Schluss sein kann. Dass die Menschen wieder auf die Straße gehen, sei es Occupy oder Stuttgart21, kann ich nur begrüßen. Gerade bei Stuttgart21 haben dann ja auch mal gestandene CDU Wählerinnen und Wähler gespürt, was es heißt sich gegen eine Entscheidung von Vater Staat zu stellen. Die Wasserwerfer machen da nämlich keinen Unterschied. Aber ich will das gar nicht ins Lächerliche ziehen. Solange immer mehr Menschen merken, dass sie vom System nur verdummbeutelt werden, desto besser. Wenn’s dann auch erstmal nur Demos gegen korrupte Banken oder für mehr Mitbestimmung des Volkes sind, bewegt sich was, und das ist gut.

Bomba: Ich denke es wird schlimmer werden, das große Geld ist immer hungrig. Die letzte “Krise” z.B. sehe ich als Regulierungsversuch der Großkapitalinhaber, die Zeche haben letztendlich doch wieder die Steuerzahler gezahlt. Zur Eurokrise/Griechenland, ich meine dazu, dass die griechischen Milliardäre das Land mit ein paar Unterschriften hätten sanieren können, ohne dass das auf ihren Konten großartig zu registrieren gewesen wäre. Oder hier in Deutschland, mal einfach nachlesen, wer für welche Arbeitsplatzzustände wie viel Geld verdient, als konkretes Beispiel kann man sich mal mit den Zuständen im Pflegebereich beschäftigen. In Griechenland sind die Menschen schon auf den Straßen, wann ganz Europa brennt ist meiner Meinung nach nur eine Frage der Zeit. Das größte Problem in Europa sehe ich aber in der Extremisierung der Religionen, Glaube kann Menschen trösten und helfen, ich selber bin eher ungläubig, aber kulturgeschichtlich an Religionen interessiert, aber Gläubige sind auch leichte Opfer von Predigern die ihre persönliche Weltanschauung als die Wahrheit ihrer Götter verkaufen.

DEAD: Seht ihr eine gewisse Verantwortung euren Hörern gegenüber einen bzw. euren Standpunkt zu vertreten?

Deadly: Also wir vertreten ja unseren Standpunkt…praktisch mit jedem Song…wenn auch nicht immer offensichtlich. Die Verantwortung sehe ich da eher im Sprachgebrauch, in der Wortwahl. Wir würden halt in unseren Texten nicht „schwul“ sagen und „scheiße“ damit meinen. Diese ganze negative Konnotation neutraler Begriffe geht mir ziemlich auf die Nerven. Ansonsten machen wir es in erster Linie auch wirklich nur für uns. WIR müssen den Beat gut finden, WIR müssen mit den Texten, dem Flow etc. zufrieden sein…was dann passiert, ist erstmal zweitrangig. Wobei wir natürlich schon hoffen und uns dann auch freuen, wenn es gut ankommt und positiv rezensiert wird. So ehrlich muss man ja sein. Aber wir folgen keinem Trend, was wir raushauen ist 100% Anarchist Academy, vielleicht ist das die Verantwortung unseren Hörern gegenüber.

Vielleicht mache ich ja sogar nur politischen Rap, weil [...] wir ein endgeiles Juz hatten, das Schillerbad, dass die Stadt damit geplättet hat, indem sie das Gebäude zur Einrichtung einer Großkneipe verkaufte.

Bomba: Ich persönlich nicht. Vielleicht mache ich ja sogar nur politischen Rap, weil ich halt damals Public Enemy geiler als die Two Live Crew fand. Oder weil wir ein endgeiles Juz hatten, das Schillerbad, dass die Stadt damit geplättet hat, indem sie das Gebäude zur Einrichtung einer Großkneipe verkaufte. Ich mache das nur für mich, weil ich da Bock drauf hab und wegen allem was mich ausmacht und geprägt hat. Deshalb würde ich auch nie Politiker sein wollen, denn die Annehmlichkeiten der Macht verführen ins Dunkel. Ich hab mich auch noch nie so richtig wohl auf der Bühne gefühlt, besonders auf großen Veranstaltungen, ich mag diesen Unterschied zwischen oben und unten nicht leiden, vielleicht auch der Grund, warum ich mich in Zukunft hinter die Decks verkrümel.

DEAD: Eure EP wurde digital released und steht zum kostenlosen Download bereit. Wo seht ihr euch selbst in einer digitalisierten Welt, in der jedermann ein Künstlerprofil bei Myspace, Facebook etc. hat und seine Musik ins Netz stellt?

Bomba: Perfekt für die Kunst und die Künstler. Wenn man nicht ganz auf den Kopf gefallen ist, wette ich, könnte jeder Künstler seinen kleinen Schnitt machen, der seine Kunstform liebt und perfektioniert, ohne dass erst ein Vertrieb und ein Label die Hand aufhält. Die Internetgemeinde müsste noch ein wenig in den Griff kriegen, dass nicht jeder ein Kritiker ist, der zwei Filme gesehen oder zwei Lieder gehört hat, aber ansonsten eine der wichtigsten Errungenschaften der Menschheit.

Mir gefällt, dass das Privileg, professionell Musik zu machen, gefallen ist.

Deadly: Mir gefällt, dass das Privileg, professionell Musik zu machen, gefallen ist. Finanziell ist das jetzt viel mehr Menschen möglich, das kann doch für die Musik nur förderlich sein. Internet selbst nutze ich eher als Kommunikationsmittel, man kann schnell und häufig mit weit entfernten Menschen in Kontakt treten. Selbst wir haben ein Forum, wo wir uns connecten, obwohl wir ja alle in der selben Stadt leben. Aber für uns ist das sehr praktisch als Dreh- und Angelpunkt für die Planung der LP, allgemeiner Informationsaustausch und Pool für neue Ideen usw.

DEAD: Denkt ihr ohne Internet hat man überhaupt noch eine Chance Gehör zu finden?

Deadly: Nun ja, man kann ja auch gut mit Internet kein Gehör finden… Das Internet ist als Informationsquelle einfach nicht mehr weg zu denken und das geht ja weit über das Musikalisch- Künstlerische hinaus.Ich finde es einfach genial, zu etlichen Dingen Zugang zu haben, die man vorher gar nicht mitbekommen hätte. Und das Verhältnis von Künstler und Fan ist persönlicher und direkter.

Bomba: Ich finde, das gehört als Künstler zum guten Ton. Ich bin ja auch Fan von irgendwem und ärger mich, wenn die Internetauftritte kacke sind oder sogar nicht vorhanden.

DEAD: Wie soll es weitergehen mit Anarchist Academy, was sind die Pläne?

Bomba: Erst mal 20 werden mit der Band im März und dann Mal sehen. Fest geplant ist das Album für ca. Mai und eine Tour gegen Ende des Jahres die Köterhai (www.koeterhai.de) für uns bucht. Den Rest wird man sehen. Wir haben alle Jobs und Familien und sind bald alle über 40, da bleibt man am Wochenende auch schon mal gerne zu Hause. Aber ab und an mal einen neuen Track und mal hier und da ein Konzert ist schon drin. Vielleicht mal die alten Beats aufarbeiten und eine Beatplatte machen.

Deadly: Dem ist wenig hinzuzufügen. Ich denke, es hängt auch von der Resonanz ab. Mit Job und Familie so eine Plattenproduktion zu realisieren ist schon ein ganz schöner Aufwand. Das tut man sich nur an, wenn man den Scheiß wirklich liebt. Also, noch eine weitere LP ist fraglich, aber wie Bomba schon gesagt hat, einzelne Songs wird es hier und da immer mal wieder geben.

DEAD: Was macht ihr eigentlich beruflich? Und wie schafft ihr es Musik mit Beruf und Familie zu vereinbaren?

Deadly: Bomba versucht grade sich eine Zukunft im Bereich 3D- Modeling und Filmanimation auf zu bauen, Bütti und ich arbeiten als Betreuer in einem Wohnheim für körperlich und geistig behinderte Menschen. Hannes und Babak, die ja offiziell nicht mehr dabei sind, für mich aber irgendwie halt immer noch dazugehören, treiben sich in Köln rum. Hannes ist Lehrer und Babak betreibt den Dedicated Store, einen Graffitiladen. Musik, Beruf und Familie zu koordinieren ist schon sehr anspruchsvoll und nicht immer einfach. Meistens kriegen wir es hin, dass wir uns einmal in der Woche sehen, hauptsächlich zum Aufnehmen. Der Rest wird dann per Telefon oder Internet besprochen, allerdings funktioniert das auch nicht immer. Für die Tour im Herbst müssen wir Urlaub nehmen und da Bütti und ich halt auch an Wochenenden und Feiertagen arbeiten müssen, wird die Realisation von Einzelkonzerten nur in ganz wenigen Fällen möglich sein.

DEAD: Letzte Worte?

Deadly: Checkt ab und an http://www.anarchist-academy.de oder facebook.com/hannes.one. Hier gibt’s immer wieder mal Neues und auch Lustiges aus alten Tagen. Schreibt uns an oder hinterlasst Einträge im Gästebuch. Freut euch auf die LP, wird ein richtig dickes Ding werden. Und besucht uns auf der Tour!

Hier könnt Ihr exklusiv in das kommende Anarchist Academy Album reinhören!
Anarchist Academy – SneakPreview des neuen Albums [DEAD Exclusive] by DEAD Magazine

http://www.anarchist-academy.de/
Text:
Credits: Interviewfragen von Juri Arendt
Foto(s): Anarchist Academy
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