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deadwords » interviews 07.02.2012
Anthony Drawn – Fragile Klangwelten

Anthony Drawn ist vielleicht einer der vielversprechendsten Newcomer der deutschen Electronic Szene. Sein neues Album „A Beautiful Fragile Balance“, das am 22. Januar auf Sichtexot Records erschien, besticht durchgehend mit musikalischer Qualität, dem richtigen Gefühl für Arrangement und vor allem SOUND! Die athmosphärischen Flächen, knarzenden Bässe und die tief wummernden Beats bringen das Album nicht nur klanglich genau auf den Punkt. Gleichzeitig klingen die Songs auch nicht zu angepasst an das bereits langweilig werdende „Nu Beatmaker“ Gedöns, das momentan aus allen Ecken schallt. „A Beautiful Fragile Balance“ kann in jedem Fall mehr: es nimmt den Hörer mit auf eine Reise – eine Reise in die fragil-schönen Klangwelten des Anthony Drawn. Einige Einblicke in die Entstehung des Albums läßt uns der sympathische Produzent aus Mainz nun in einem Interview gewähren.

DEAD: Gratulation zu Deinem neuen Album! Es ist nicht Dein erstes, hat aber trotzdem noch die Frische eine Debüts – ist es das für Dich vielleicht auch noch? Dein Album „Some Of There Behind“ erschien ja “nur” in digitaler Form.

Anthony Drawn: “Some Of There Behind” war damals mein erstes eigenes Album. Ich hatte vorher schon sehr viel Musik gemacht und viel produziert, wo ich aber letztlich nie sagen konnte “Das bin ich, das ist mein Sound”.

“Some Of There Behind” war dann das erste Mal, wo ich wirklich in Albumlänge das gemacht habe, was ich wollte. Somit sehe ich es schon als mein Debüt. Allerdings war es damals wirklich eher nur so für mich und dann zum freien Download.

Dieses stolze Gefühl die eigene Vinyl LP in der Hand zu halten…

“A Beautiful Fragile Balance” war jetzt letztlich viel geplanter. Mit Label und als physisches Release auf Vinyl ist das noch mal was ganz anderes. Dieses stolze Gefühl die eigene Vinyl LP in der Hand zu halten, hatte ich bei “Some Of There Behind” natürlich nicht…

DEAD: Das Label Sichtexot ist bisher eher über Hip-Hop Releases in Erscheinung getreten. Wie passt da Dein Album dazu und kannst Du selber Deine Musik kurz beschreiben?

Anthony Drawn: Mir war natürlich klar, oder ist es auch immer noch, dass ich musikalisch auf vielen anderen Labels besser aufgehoben wäre, allerdings waren da keine konkreten Kontakte da und bei Sichtexot kenne ich alle anderen Künstler auch persönlich und weiß ganz genau wo ich dran bin.

Sichtexot ist extrem ungebunden und offen. [...] Die Idee frei von Zwängen oder Trends eigene, ehrliche Musik zu machen.

Was Stile angeht, ist das Label extrem ungebunden und offen. Es geht auch viel mehr um die Idee dahinter. Die Idee frei von Zwängen oder Trends eigene, ehrliche Musik zu machen. Vielleicht ist es dann gerade diese Vielfalt und die gleiche Denkweise der Künstler, die das Label zu etwas Besonderem macht. Da passt mein Album denke ich letztlich doch genau rein!

Meine Musik kurz zu beschreiben fällt mir immer schwer. Mir ist die Atmosphäre oder die Stimmung ganz wichtig. Was Genres oder ähnliches angeht, müssen andere entscheiden, wo sie es einordnen wollen…

DEAD: Du spielst ja auch Saxophon, das hört man auf der Platte aber diesmal nicht. Wie machst Du Musik? Kannst Du etwas über Deine Produktionsweise für das jetzige Album erzählen?

Diesmal wollte ich gar keine Instrumente einspielen. Trotzdem sollte der Sound recht organisch wirken.

Anthony Drawn: Auf meinem ersten Album habe ich viele Live-Instrumente aufgenommen und da hatte Saxofon auch auf ein paar Songs gut gepasst. Auf dem aktuellen Album ist alles komplett elektronisch. Diesmal wollte ich gar keine Instrumente einspielen. Trotzdem sollte der Sound recht organisch wirken.

Wie eben gesagt, ist mir die Atmosphäre sehr wichtig, eine melancholisch angehauchte Stimmung, die sich durch das ganz Album zieht. Ich fange eigentlich immer mit Klangflächen oder Harmonien an. Synthies rumspielen oder mal ein Vocalsample… Drums kommen fast immer am Ende.

DEAD: Dein Album ist zum Großteil instrumental. Wie kam es zu den Features mit Teknical Development von Obba Supa und Joshua Keyes?

Anthony Drawn: Eigentlich wollte ich keinen “Raptrack” auf dem Album haben. Obba Supa und vor allem Teknical Developments Art zu rappen hat mich allerdings von Anfang an sehr fasziniert. Ich habe ihm zwei Songs geschickt und gefragt, ob er was damit anfangen könnte! Er meinte irgendwie “woa sickk” oder so :) Wie die Jungs uns dann in Deutschland besuchen kamen, haben wir dann u.a. mit ihm den Song recorded. Ich bin immer noch erstaunt, wie gut sein Rap auf den Beat funktioniert!

Joshua Keyes kenne ich schon recht lange. Ich wollte gerne diesen Tribut-Song für eine Jazzband (Esbjörn Svenson Trio) machen. Habe dann Joshua Keyes gefragt ob er Lust hat zu singen, und so entstand der Song. Der Song ist im Prinzip ein Coversong aber eben vor allem instrumental komplett neu interpretiert und anders als das Original.

DEAD: Deine Platte endet mit dem Sprachsample „… nobody cares“. Ist das etwas wovor Du Angst hast, dass sich am Ende niemand für Deine Platte interessieren könnte?

Anthony Drawn: Naja, ich mache die Musik schon hauptsächlich für mich. Jetzt wo die Platte auch richtig auf Vinyl released wurde, hoffe ich aber natürlich schon, dass der ein oder andere sie auch kauft, da man sonst als Künstler oder auch kleines Label keine Chance hat überhaupt noch physische Tonträger herzustellen, wo fast alles andere als free Download zu haben ist oder so runtergeladen wird.

“…nobody cares” ist aber mehr im Kontext des gesamten Sprachsamples zu sehen, wo es darum geht, dass den Menschen alles Echte immer mehr egal ist und durch Künstliches ersetzt wird, alle gleich sind, etc. … hatte mir als Outro gut gefallen.

DEAD: Deine Platte gibt es, wie Du schon sagtest, auch auf Vinyl. Da Du selber bei Sichtexot involviert bist – woher kommt eure Liebe zum schwarzen Gold?

Ich denke Schallplatten sind das einzige Medium, wo Musik noch so richtig bewusst wahrgenommen wird!

Anthony Drawn: Wir sind alle große Vinylliebhaber, auch wenn man natürlich nicht alles ständig auf Platte hat oder hört. Wir wollten von Anfang an nicht zu einem rein digitalen Label werden, sondern auch physische Tonträger veröffentlichen.

Ich denke Schallplatten sind das einzige Medium, wo Musik noch so richtig bewusst wahrgenommen wird! Immer und überall läuft Musik auf einem Player, auf dem PC oder im Fernsehen und selten hört man Musik nicht nur nebenher, sondern wirklich der Musik wegen. Wenn man aber eine Schallplatte auflegt, dann setzt man sich meistens auch daneben und hört wirklich zu.

DEAD: Wo siehst Du euer Label in zwei Jahren? Was können wir in nächster Zukunft von Dir und anderen Künstlern des Labels erwarten?

Anthony Drawn: Am Anfang haben wir nicht gedacht, dass das Label so gut ankommen wird. Da wir es alle nebenbei machen und es letztlich doch eine ganze Menge mehr Arbeit ist als gedacht, ist das eine gute Frage!
Ich denke nicht, dass das Label sich in naher Zukunft arg vergrößern wird. Da würde es nicht mehr reichen, es so nebenbei zu betreiben. Wenn alles nach Plan läuft, werden wir als nächstes ein Album von The Beep (auf Kassette), ein Album von Obba Supa (Vinyl) und ein Album von Luk&Fil (CD) herausbringen. Was danach kommt wird sich zeigen…..

DEAD: Ist für das Album auch eine Tour geplant?

Anthony Drawn: Eine Tour ist nicht geplant. Bisher auch keine Liveshows. Ich habe nie wirklich live gespielt und sehe mich auch irgendwie nicht hinter einem Laptop stehen und meine Songs abspielen. Wenn, dann müsste es wirklich live und ausgearbeitet sein.

Sollte es irgendwann ein zweites jazziges Tufu & Anthony Drawn Album geben, wäre eine kleine Tour mit MPC, Saxofon, Bass und Rap oder so etwas, worauf ich Bock hätte!

DEAD: Vielen Dank für das Interview! Möchtest Du noch etwas loswerden oder Dir vielleicht sogar selber noch eine Frage stellen?

Anthony Drawn: Ja, vielen Dank ans DEAD Mag für das Interesse an unserem Label und meiner Musik! Wem das Album gefällt, würde mich natürlich sehr freuen, wenn er es mit einem Kauf unterstützt, dann können wir auch in Zukunft Musik auf Vinyl veröffentlichen. Für Vinylliebhaber ist ja vielleicht auch das Cover schon ein Grund zum Kauf. Danke für das Artwork an Christian Schupp (www.aroone.de) an dieser Stelle!

http://www.facebook.com/anthonydrawn
http://www.sichtexot.de/
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