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deadwords » interviews 11.08.2011
Ancient Astronauts – Kein Leben ohne Musik

Anlässlich des 10jährigen Jubiläums der Ancient Astronauts hatten wir die Gelegenheit, mit den beiden Künstlern ein wenig über die Entwicklung ihrer Band, ihres unverwechselbaren Sounds und ihres eigenen Labels zu plaudern. Die Astronauten haben vor kurzem ihr Best Of Album “Best Of 2001 – 2011″ veröffentlicht und sind von einer ausgedehnten US-Tour zurückgekehrt. Dementsprechend gab es auch darüber einiges Interessantes zu berichten.

DEAD: Vor mittlerweile 10 Jahren habt Ihr auf Eurem selbstgegründeten Label Switchstance Recordings Euer erstes Release veröffentlicht. Inwiefern hat sich der musikalische Output der Ancient Astronauts seitdem gewandelt und weiterentwickelt?

Ancient Astronauts (AA): Da hat sich wirklich einiges getan in der Zwischenzeit. In den ersten Jahren unseres Labels haben wir immer nur sporadisch mal hier oder da einen Tune von uns auf einer unserer Label Compilations veröffentlicht. Wir haben immer Tunes in spontanen Sessions geschrieben und entwickelt, aber haben damals nicht wirklich auf ein Album hingearbeitet. Erst vor einigen Jahren kamen wir auf den Trichter, dass wir doch auch endlich mal ein komplettes Album machen sollten. Durch die vielen Jahre auflegen in Clubs und auf Events haben wir sehr zu unserem Sound gefunden, und diese Einflüsse dann in unsere Studio-Produktionen einfliessen lassen. Unsere Vorliebe liegt da stark bei funkigem und organischem Hip Hop sowie Reggae Tunes. Uptempo Funk, aber auch vertrippte und spacige Downtempo und Dopebeat–Nummern liegen uns sehr am Herzen. Kabanjak hat in den vergangenen Jahren seit Labelgründung viel an seinem Sound und am Recording gearbeitet, und all diese Erfahrung stecken wir nun in unsere Musik. Die Qualität der Produktionen ist mit den Jahren stets mitgewachsen.

DEAD: Wie sieht Eure Herangehensweise beim Komponieren neuer Stücke aus? Haben hier im Laufe der Zeit Veränderungen stattgefunden? In wie weit werden Featuregäste in den Songwriting-Prozess miteinbezogen?

Unsere Songs entstehen meist aus spontanen guten Ideen…

AA: Ehrlich gesagt hat sich das kaum geändert in den Jahren. Unsere Songs entstehen meist aus spontanen guten Ideen, die wir dann verfeinern, oder durch Inspirationen von Live Gigs, die man gespielt hat. Das viele Reisen und Gigs in anderen Ländern inspiriert einfach sehr, und das nimmt man dann auch wieder mit ins Studio. Oft schauen wir welche unserer Ideen, die wir im Studio haben, zu den Künstlern passen könnten, mit denen wir gerade arbeiten. Natürlich kommt es auch mal vor, dass wir speziell auf einen Künstler hin produzieren, aber das ist nicht wirklich der Regelfall. Meist sind die Ideen, die wir in unsere Songs packen, spontan entstanden durch eine gute Session im Studio.

DEAD: Anlässlich Eures 10jährigen Jubiläums erschien am 15.7. Eure Compilation “Best Of 2001 – 2011″. Nach welchen Kriterien wurden die darauf zu findenden, teilweise noch unveröffentlichten Stücke ausgewählt?

AA: Die Stücke darauf markieren auf gewisse Art und Weise Eckpunkte in unserer Produzenten-Karriere. Jeder dieser Tracks hat einen gewissen Abschnitt in unserem Leben mit Musik ausgedrückt, und jedes Mal, wenn wir sie hören, kommen uns viele Erinnerungen in den Kopf. Die neuen Tracks „The Landing” und „Shade Of A Tree” (feat. Hannah Thiem) sind im letzten Jahr entstanden, bevor unser aktuelles Album “Into Bass And Time” auf ESL Music erschien. Sie waren erst auch für das Album angedacht, aber dann haben wir sie nicht Sinn machend im Album platzieren können, so dass wir sie dann für unseren „Best Of 2001 – 2011“–Release nehmen konnten. Wir lieben Songs mit Tiefe wie „Shade Of A Tree“, mit der wundervollen Hannah Thiem aus Brooklyn an der Violine.

DEAD: Das Album wird zunächst ausschließlich digital veröffentlicht. Sind illegale Downloads ein größeres Problem für Euch?

Da wachsen ja Jugendliche und junge Erwachsene heran, die gar nicht mehr wissen was ein Tape ist oder wie man mit Vinyl auflegt.

AA: Haha, für wen denn nicht? Nun ja, um es mal so zu beschreiben: Tiefer am Boden kann die Musik-Industrie schon nicht mehr sein, als sie es jetzt gerade ist. Es ist wirklich erschreckend zu sehen, zu was für einem Selbstbedienungs-Laden das Internet geworden ist. Die jüngeren Kids heutzutage kennen es schon gar nicht mehr anders, als dass man Musik jederzeit im Internet umsonst bekommt. Da wachsen ja Jugendliche und junge Erwachsene heran, die gar nicht mehr wissen was ein Tape ist oder wie man mit Vinyl auflegt. Das ist schon traurig. Wenn man heutzutage wenigstens noch genau so viele CDs und Vinyle wie damals verkaufen könnte, dann wäre das alles ja nicht so schlimm. Nur kauft heute kaum noch einer CDs, und Vinyle werden auch nur von den wirklichen Headz und Nostalgikern gekauft. Im Album-Bereich gab es zwar über 500% Zuwachs an Vinyl-Verkäufen in den letzten 5 Jahren, aber das heißt noch lange nicht, dass auch Indie-Leute wie wir das enorm spüren würden. Fakt ist, dass die meisten Konsumenten sich illegal und gratis im Internet bedienen. Wir arbeiten sehr emsig daran, die Downloads im Internet zu dezimieren, und haben dazu auch eine sehr wirksame Methode entwickelt, allerdings kann man das niemals komplett stoppen. Was einen traurig macht ist eine oft gemerkte Ignoranz der Leute, indem sie ihr Gewissen rein waschen wollen nach dem Motto „Ich höre mir nur an ob es mir gefällt, und dann kaufe ich es auch.“ Nur leider passiert das in den wenigsten Fällen. Und nur ein „Like“ bei einem Artist auf Facebook zu platzieren hilft diesem auch nicht wirklich. Auf der einen Seite wollen die Leute immer mehr gute Musik von innovativen Künstlern, aber andererseits, wovon sollen denn diese Künstler leben und ihre Miete zahlen, Instrumente zahlen, Studiomiete, etc.? Musik hat in den letzten 5 bis 10 Jahren krass an Wert verloren und ich hoffe, dass sich dies wieder ändert. Denn es gibt kein Leben ohne Musik. Musik ist überall und gehört zum Leben dazu.

DEAD: Seit dem Erscheinen Eures großartigen zweiten, international auf ESL Music releasten Studioalbums “Into Bass and Time”, sind inzwischen einige Monate vergangen. Wie sind bisher die Resonanzen darauf? Unterscheidet sich das Feedback aus dem Ausland, speziell aus den Vereinigten Staaten, von dem aus der Heimat?

AA: Die Resonanzen waren fast durchgehend positiv. Gerade im Ausland haben wir unglaubliches Lob auf unser Album erhalten. Online-Größen wie das Wired Magazine haben uns hoch gelobt und uns in ihrer Top Ten–Liste der „Must See Artists @ SXSW 2011“ gelistet (das größte Showcase Festival der Welt in Austin, Texas/USA). Von uns sehr geschätzte Magazine und Plattformen wie das Wax Poetics Magazine oder Okayplayer (online Musik-Portal von The Roots) lobten unser Album in höchsten Tönen. Hierzulande blieb das positive Feedback allerdings weitgehend aus. Da denkt man, dass die großen Magazine endlich mal aufhorchen würden, wenn hochgeschätzte internationale Publikationen uns hoch loben, aber da liegt man weit daneben. Unbekannter Künstler, dessen Label keine Anzeige schaltet? Das interessiert dann keinen von denen. Wir haben schon beim Lollapalooza Festival in Chicago gespielt (das hat wohl kaum ein deutscher Artist), waren meist spielender deutscher Act beim SXSW Festival in Austin/Texas, oder haben sogar schon für´s Weiße Haus gespielt. Na und? Interessiert trotzdem keines der etablierten Musik Magazine. Hier sind wir für die nicht speziell. Die Idioten, die bei solchen Mags sitzen, denken ja sie kennen alles was „hot“ oder „hype“ ist. Wir sind wirklich froh, dass wir von Anfang an internationale Musik gemacht haben, und nie nur auf den deutschen Markt angewiesen waren.

DEAD: Ihr habt vor kurzem eine ausgiebige US-Tour abgeschlossen. Seid Ihr zufrieden mit dem Verlauf? Was waren die prägendsten Eindrücke?

AA: Oh ja, das waren wir. Wir haben wieder wirklich eine super Zeit dort gehabt. Was wieder sehr beeindruckend war, war zum Beispiel die SXSW Music Conference in Austin/Texas, wo wir meist spielender deutscher Act waren und unter anderem auf der Wax Poetics Party oder auch mit Dubspot aus NYC oder Tru Thoughts Recordings und Fort Knox Recordings Label-Abende bestritten haben. Die Stadt ist einfach der Hammer, und dann all die Musiker und Musik-Fans dazu addiert ergibt eine unglaubliche Atmosphäre. Dann waren wir wieder in Washington DC, wo wir unter anderem vor knapp 3.000 Gästen im Newseum (ein Museum für News auf 5 Etagen) zusammen mit unserem Label-Kollegen Nickodemus gespielt haben. Unsere Auftritte in San Francisco waren auch unglaublich. Wir haben mit super Musikern und DJs zusammen gespielt. Und dann waren wir noch in Kalifornien beim Headquarter unseres neuen Sponsoren ETNIES. Das war auch eine riesen Ehre für uns, dort mal vorbei schauen und sich dann auch noch komplett neu einkleiden zu dürfen, und Leute aus der Firma kennenzulernen. Insgesamt haben wir Bilder im Kopf mitgenommen von tollen Events, Parties, Menschen, Landschaften und vielem mehr.

DEAD: Amerikanische Künstler werden häufig gefragt, inwiefern ihre Heimatstadt und deren Musikszene ihren Stil geprägt haben. Hat Euch Köln musikalisch geprägt?

Köln hat uns immer schon musikalisch geprägt, durch die vielen Konzerte und auch diversen Parties, die es dort immer gibt.

AA: Köln hat uns immer schon musikalisch geprägt, durch die vielen Konzerte und auch diversen Parties, die es dort immer gibt. Allerdings ist unsere richtige Heimatstadt Moers am Niederrhein (knapp 40 Minuten von Köln entfernt). Das einzige was uns dort richtig geprägt hat, war das Internationale Jazz Festival (oder jetzt Moers Festival), das es seit knapp 30 Jahren gibt. Dort haben internationale Größen wie George Clinton, The Roots, Bills Laswell, Femi Kuti und viele mehr gespielt. Aber eine Szene für die Musik, die wir lieben und produzieren, gibt es in Moers nicht. Wir haben damals versucht, so etwas eine Szene aufzubauen, aber das ging nur eine Weile gut. Dafür war Moers einfach zu klein. Dadurch wurden dann aber wieder die ersten Bausteine für unser eigenes Label Switchstance Recordings gelegt.

DEAD: Das deutsche Publikum hat seit dem 5.8. regelmäßig die Möglichkeit, Euch im ‚Club Bahnhof Ehrenfeld‘ in Köln im Rahmen eurer Reihe „Familiy Affairs“ zu sehen. Was können die Besucher dort von Euch und den anderen Artists erwarten?

AA: Man kann sich das Ganze als perfekte Mischung aus DJ-Set und Live-Musikern vorstellen. Ähnlich wie so einige Sets, die wir in den USA zum Beispiel bei Afrolicious in San Francisco gespielt haben. Dort sind immer Percussionisten, Drummer und andere Musiker vor Ort, die live zu den DJ Sets spielen. Der Groove, der aus dieser Kombination entsteht, ist wirklich unglaublich, da so ein Club-Abend einen richtigen Live-Charakter bekommt, der aber trotzdem durch ein DJ Set angeführt wird. Das ganze ist eine riesige Tanz Party :)

DEAD: Wie ist das Verhältnis von Konzeption zu improvisierten Passagen, wenn Ihr live auflegt?

AA: Hmm, um ehrlich zu sein, sind knapp 70% improvisiert. Wir wissen vorher ungefähr, mit welchem Tempo wir anfangen wollen, mit welchem Tempo wir enden wollen, mit was für einem Stil wir anfangen, und wir planen welche Songs von uns wir dann spielen wollen. Aber wenn wir dann dabei sind geht es rein nach Gefühl.

DEAD: Wie kommt für gewöhnlich die Zusammenarbeit mit den Künstlern zustande, denen ihr auf eurem Label Switchstance Recordings eine Plattform bietet? Bekommt ihr viele Anfragen, oder geht ihr hauptsächlich selber auf die Musiker zu?

AA: Die meisten Musiker auf unserem Label kommen aus dem Umkreis von Moers oder aus NRW. Es ist fast das gleiche Team seitdem wir angefangen haben, Musik zu releasen. Jetzt erst nach 10 Jahren haben wir gerade den ersten nicht-deutschen Künstler, dessen Musik wir dieses Jahr releasen werden. Das ist Fat Albert Einstein aus Los Angeles. Wir schauen meist, dass wir mit internationalen oder auch nationalen Künstlern und Musikern kollaborieren können. Entweder kennt man sich schon, oder man wird durch andere Bekannte auf jemanden aufmerksam. Die Musik führt einen schon zueinander.

DEAD: Seid ihr beide gleichermaßen in die Label-Arbeit involviert? Beeinträchtigt oder begünstigt diese umfangreiche Arbeit euren eigenen kreativen Output mit den Ancient Astronauts?

Man muss sich um viele Dinge selber kümmern, um voran zu kommen.

AA: Nein, in die Label-Arbeit ist eigentlich nur Tom (Dogu) involviert, da es seine Firma ist und er sich um alle Angelegenheiten kümmert. Wir wissen dass es ein großer Vorteil von uns ist, beide Seiten zu kennen, also die Künstler-Seite und die Geschäftsseite. Heutzutage ist das sehr wichtig für Künstler, denn man muss mehr bringen als nur gute Musik zu produzieren. Man muss sich um viele Dinge selber kümmern, um voran zu kommen.

DEAD: Das Motto von Switchstance Recordings lautet „Quality music for advanced listeners!”. Was ist für Euch ein „advanced listener”?

AA: Ein „advanced listener“ ist für uns jemand, der jenseits von „Hype“ und „Charts“ qualitative Musik erkennt. Jemand der sich nicht von Trend beeinflussen lässt, sondern nur von seinem eigenen Geschmack. Das mit dem „advanced“ soll auch gar nicht so elitär klingen, sondern die Betonung einfach nur auf Qualität legen. Wer sich nur an Chart-Erfolgen oder dem neuesten „Hipster“ – Tratsch orientiert, der wird mit unserer Musik wohl nichts anfangen können. Die, die sich aber nach neuen innovativen Klängen und Beats und Grooves auf die Suche machen, die werden bei uns fündig.

DEAD: Eure ans Label angeschlossene Firma Switchstance Productions bietet laut Selbstbeschreibung “Vielseitige Musiklösungen aus erfahrener Hand” für Kunden beispielsweise aus der Werbebranche. Wie fühlt es sich an, Musik auf Bestellung zu produzieren? Seht ihr das rein nüchtern als Mittel zum Broterwerb?

AA: Nun ja, das ist wirklich ein Teil unserer Firma der ab und an genutzt wird, und den wir als einen Teil unseres Produkt-Angebotes sehen. Schließlich können wir mehr produzieren als nur das, was wir auf Switchstance Recordings veröffentlichen. House oder seichte Lounge Musik zu produzieren ist eine leichte Sache für uns, und für gute Auftraggeber machen wir das auch so. Allerdings liegt unser Herz bei der Musik, die wir auf Switchstance releasen. Das andere ist eben Auftrags-Arbeit.

DEAD: Zurück zu den Ancient Astronauts: was ist in näherer Zukunft musikalisch von Euch zu erwarten, an was arbeitet Ihr momentan? Sind noch weitere ausgedehnte internationale Gastspiele, auch Übersee, geplant?

Da ist so einiges in Planung.

AA: Da ist so einiges in Planung. Wir werden Ende diesen Jahres eine Remix EP auf ESL Music herausbringen, mit eigenen Remixen von unseren Songs, aber auch Remixen von guten Freunden von uns wie zum Beispiel Subatomic Sound System, J-Boogie, DJ Brace, Thomas Blondet, Timewarp Inc und einigen anderen. Dann wird es nächstes Jahr ein neues Ancient Astronauts Album geben. Kabanjak plant auch eine Remix EP für ESL Music, auf der wir Ancient Astronauts Remixe drauf haben werden. Ausserdem arbeitet Kabanjak mit unserem neuen Switchstance Artist Fat Albert Einstein zusammen an einem Projekt, das sie auch nächstes Jahr auf Switchstance herausbringen werden. Dieses Jahr werden wir noch touren, in Kroatien, Griechenland und (wenn alles gut geht) in Indien. Nächstes Jahr im März geht es wieder auf USA Tour. Und so weiter…

DEAD: Nicht weit entfernt von Eurer Heimatstadt Köln befindet sich das berühmte Neanderthal. Wenn Ihr, die Ancient Astronauts, tatsächlich die Möglichkeit hättet, in einem Raumschiff 100.000 Jahre in die Vergangenheit zu reisen und unsere steinzeitlichen Vorfahren zu besuchen… was würdet Ihr ihnen mitbringen?

AA: Hmm, vielleicht lange Blättchen und was zu smoken aus Holland :) Mit CDs und Vinyl werden die eh nichts anfangen können.

DEAD: Vielen Dank für das Interview!

AA: Wir haben zu danken! One Love

http://ancientastronauts.de/
http://switchstancerecordings.de/
Text:
Credits: Logo by Will Barras
Foto(s): Tobias Freytag / FAD Photography, Yaggi Photography, Oliver Kurzemann, Jonas Paar
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