DEADwords_072011_FinestEgo_01 by Max Winter
deadwords » features 11.07.2011
Finest Ego – Die Vernetzung einer Szene

Die technische Entwicklung der letzten 15-20 Jahre hat gerade im Musikbereich tiefgreifende Veränderungen mit sich gebracht. Brauchte man früher teure Hardware wie Drumcomputer, Effektgeräte oder Mehrspurrekorder, um seiner Kreativität und seinen Ideen freien Lauf lassen zu können, besteht ein heutiges Heimstudio nicht selten aus lediglich einem Computer, einem Midi-Keyboard oder –Controller und einem Paar aktiven Abhörmonitoren. Die gleichzeitige Verbreitung des Internets tat ihr übriges, nie war es leichter auf jede erdenkliche Musik zuzugreifen, sich mit anderen Künstlern zu connecten und sein Know-How zu erweitern. Diese Entwicklung hat im Laufe der Zeit sowohl positive als auch negative Spuren hinterlassen.

Durch den leichten Zugang zu Musik sind viele Menschen heute nicht mehr nur auf ein Musikgenre festgelegt, wie es früher oft der Fall war, wodurch bei den heutigen Musikproduktionen häufig Genres verschmelzen. Dadurch entstand im Laufe der Zeit ein Sound, „der sowohl an 30 Jahre Hip Hop Tradition anknüpft, als auch die abstrakten Strukturen elektronischer Musik mit der Deepness von Clubmusik verbindet” [Pressetext]. Ein weiterer positiver Aspekt dieser Entwicklung hat gleichzeitig auch einen negativen Beigeschmack: es kommen Unmengen an Releases an die Öffentlichkeit, dass man sehr schnell den Überblick verliert. Während man sich bei einem Teil wünscht, die Releases hätten nie das Licht das Öffentlichkeit erblickt, gehen gleichzeitig aber viele Talente unter, die mehr Aufmerksamkeit verdient hätten. Gerade wenn man sich für die stetig wachsende Beatmaker Szene interessiert, fragt man sich irgendwann zwangsläufig: Was tun mit all diesen neuen Talenten und ihrem kreativen Output? Wie soll man den Überblick behalten? Gibt es eine gemeinsame Plattform? Seit einiger Zeit gibt es darauf eine eindeutige Antwort: Finest Ego!

Allerdings denke ich auch, dass rein instrumentale Musik stärker an Bedeutung gewonnen hat…

„Hinter Finest Ego stecken ein paar gleichgesinnte Musik- und vor allem Beat-Enthusiasten, die versuchen mit dieser Plattform einen Anlaufpunkt für junge Produzenten, DJ’s, aber auch für interessierte Zuhörer aus aller Welt zu schaffen. Dabei sind wir grundsätzlich offen, Label-unabhängig und demokratisch, das heisst, daß jeder, der die entsprechende Motivation und Leidenschaft für das Ganze hat, uns prinzipiell unterstützen und auch mitgestalten kann.” erzählt Malte Tarnow, Verantwortlicher bei Finest Ego, auf die Frage, mit wem man es bei diesem Projekt zu tun hat. Wie man die technische Entwicklung beurteilt und warum man sich auf Instrumentale Musik konzentriert, erklärt Malte folgendermassen: “Persönlich denke ich, dass die technische und die musikalische Entwicklung grade im Bereich der Beatmaker Szene stark miteinander einhergehen und das eine das andere wahrscheinlich auch in großem Maße bedingt hat. Allerdings denke ich auch, dass rein instrumentale Musik stärker an Bedeutung gewonnen hat, da beispielsweise reine Hip Hop und Rap Musik mittlerweile kaum noch potential zur Weiterentwicklung hat und sich immer wieder die selben Themen und Stile wiederholen, weshalb viele Leute gelangweilt davon sind. Auch sind die Leute in den letzten Jahren immer offener auch gegenüber anderen Musikstilen geworden (während eine Kombination aus Hip Hop und Techno in den Neunzigern beispielsweise undenkbar gewesen wäre) und da passt so eine offene, genre-übergreifende Musikform natürlich perfekt ins Bild.”

Finest Ego: Die Idee ist auch auf keinen Fall schon fertig gedacht, da ständig neue Ideen dazu kommen und wir das Ganze immer ein Stück weiterzuentwickeln versuchen…

Wer hinter Finest Ego nun eine spontane Idee oder gar einen lose zusammengewürfelten Haufen von Künstlern vermutet, irrt. Was mit einer Beatmaker Compilation aus Japan begann, vereint mittlerweile einen eigenen Blog, eine Radioshow, sowie im deutschsprachigen Raum bisher einzigartige live Events unter seinem Banner und wächst ständig weiter, denn “die Idee ist auch auf keinen Fall schon fertig gedacht, da ständig neue Ideen dazu kommen und wir das Ganze immer ein Stück weiterzuentwickeln versuchen, wie z.B. mit den Monthly Mixes, die wir vor kurzem neu ins Leben gerufen haben oder unseren eigenen Kurzinterviews mit interessanten Künstlern der Beatszene, die wir in Berlin oder andernorts treffen.”

 Auf die japanische Compilation folgten bald Höreindrücke talentierter Künstler aus Russland, sowie aus Neuseeland / Australien – weitere Compilations sind bereits in der Planung oder stehen kurz vor ihrem Release.
“Im August erscheint jetzt erstmal die United Kingdom / Ireland Compilation (und danach dann endlich die Deutschland / Österreich / Schweiz Compilation, bei der es leider ein paar Verzögerungen gab). Danach wird wahrscheinlich etwas aus dem Osteuropäischen, sowie dem Süd- bzw Westeuropäischen Raum kommen. Sehr gern würden wir auch etwas viel exotischeres bringen, beispielsweise aus Südamerika, Afrika oder Asien, also Länder, die man jetzt nicht so auf dem Schirm hat.”

Da die Zusammenstellung einer solchen Compilation sehr zeitintensiv ist und man erst Kontakte zu den dortigen Produzenten aufbauen müsste, greift man gerne auf bereits vernetzte Ansprechpartner zurück, die die Auswahl der Artists und Tracks übernehmen. “Das hat bisher hervorragend geklappt und alle haben äußerst gute Arbeit geleistet, weshalb wir an dieser Arbeitsweise festhalten wollen” heißt es aus dem Finest Ego Büro. Das man sich auf das Urteil der Verantwort-lichen verlassen kann, zeigt sich zum einen, wenn man sich genauer ansieht, wer für die jeweiligen Compilations verantwortlich ist und zum anderen natürlich durch die Qualität der Releases selbst. So übernahm z.B. der Londoner Laurent Fintoni, der vielen durch seine erstklassige Podcastreihe “Rhythm Incursions” ein Begriff sein dürfte, die Zusammenstellung der UK / Ireland Compilation, während der in Berlin und Shizuoka (Japan) lebende Producer Lambent die japanischen Talente ausfindig machte. Weitere verantwortliche sind Martin V. Raeter für die Deutschland / Österreich / Schweiz Compilation, Jinna Morocha für den Russian Beatmaker Release und Keegan Fepuleai hat die Neuseeland/Australien Compilation zusammengestellt.
Man muss aber nicht immer den Weg über eine Kontaktperson gehen, denn wer es lieber direkt mag, kann eine Hörprobe seiner Arbeit auch einfach per E-Mail oder per Dropbox auf der Finest Ego Soundcloud Seite abgeben. Hier macht sich allerdings der Eingangs erwähnte Nachteil der steigenden Quantität bemerkbar: “Leider muss man da aber noch sehr stark ausfiltern, da doch einiges kommt, was nicht viel mit dem zu tun hat, worum es uns eigentlich geht oder einfach nicht das entsprechende Qualitätsniveau aufweist. Die Sachen, die uns wirklich gut gefallen, schaffen es meistens als Ego Trip oder Blogfeature in den Blog und/oder es wird Kontakt gehalten/hergestellt für zukünftige Projekte. ”

Neben den Compilations gibt es nun auch eine 12” Serie mit dem Namen “Faces”, die den Veröffentlichungskatalog von Finest Ego erweitert. Jede 12” featured zwei unterschiedliche Produzenten und kommt in limitierter Auflage und eigens für das jeweilige Release entworfene Cover des Künstlers LNY daher. Den Start der Serie machen der Australier Ta-Ku und der gebürtige Russe Pavel Dovgal, der letztes Jahr sein Album “Cassiopeia” über Project: Mooncircle veröffentlichte. Releasetermin für die erste, auf 300 Stück limitierte, Faces 12” ist Ende Juli [bei DEAD im Review].

Die Berliner unter Euch sind vielleicht schon in den Genuss der noch jungen Veranstaltungsreihe “Monthly Trips” gekommen, welche den Künstlern aus dem Finest Ego Umfeld die Möglichkeit bietet, den Club Panke im Stadtteil Wedding mit ihrer live Performance zu beglücken. Die Mischung aus wechselnden DJ´s und internationalen Live-Acts macht diese Veranstaltungsreihe zu einem Novum im deutschsprachigen, wenn nicht sogar im mitteleuropäischen Raum. Man muss also nicht mehr nur neidisch nach Los Angeles schielen, wo die von Daddy Kev gestartete Low End Theorie Reihe mittlerweile im wochentakt Acts und Residents auftischt, die jedem Beathead das Wasser im Munde zusammenlaufen lässt. Leider bleibt die Veranstaltung bis auf ein paar wenige Ausnahmen vorerst dem Berliner Publikum vorbehalten, denn “eine konkrete Tour, über die monatlichen Veranstaltungen in Berlin hinaus, ist bisher nicht geplant. Allerdings sind wir vom 12. bis zum 15. August zusammen mit Project: Mooncircle beim Satta Outside Festival in Lithauen und werden dort gemeinsam mit den Jungs von „Renegades Of Bump“ (bekannt von den „Ritmo Kovos“ Compilations) einen weitere große Beatmaker / Produzenten-Challenge organisieren. Im Oktober sind wir außerdem in Oberhausen und machen dort ebenfalls wieder eine Beatmaker / Produzenten Challenge. Wir sind da also offen für Angebote und arbeiten auch gern mit anderen Organisatoren zusammen, um etwas auf die Beine zu stellen.”

Ungeachtet von Genrekonventionen soll die sich ständig wachsende und sich verändernde Bassmusik-Szene vernetzen.

Den Startschuss für die Live Events setzte man bereits im März mit dem “Finest Ego Weekend”, bei dem man sich neben einem „Producer Battle“, Workshops, Praxissessions und Live Performances von jungen und bereits etablierten Acts einen Eindruck darüber verschaffen konnte, was Finest Ego ist: „Aggregator und Kollektiv für talentierte, junge, unbekannte oder etablierte Produzenten aller Stile, Richtungen und Genres zu sein. Ungeachtet von Genrekonventionen soll die sich ständig wachsende und sich verändernde Bassmusik-Szene vernetzen. Austausch und Synergie sowohl zwischen den jungen Produzenten und den etablierten Künstlern und ihren kreativen Visionen als auch mit dem Publikum und der Presse sollen gefördert werden. Dabei bietet Finest Ego mit Künstlerfeatures, Reviews und exklusiven Tracks nicht nur eine Publikationsplattform, sondern ist auch gleichzeitig Knotenpunkt vieler Social Network Kanäle wie Facebook, Twitter oder Soundcloud. “

Wer nicht als Produzent tätig ist und trotzdem gerne etwas zu diesem Projekt beisteuern möchte, ist trotzdem gerne gesehen, denn obwohl „das Hauptaugenmerk bei Finest Ego natürlich auf den Produzenten liegt, werden natürlich auch immer mal wieder Künstler für Artworks gesucht und auch bei den Monthly Trips und Monthly Mixes freuen wir uns über Unterstützung von DJ’s.” Auch gibt es Ambitionen, “den redaktionellen Anteil im Blog weiter auszubauen und z.B. eigene Artikel zu verfassen und mehr Interviews zu machen”, weshalb die Homepage nicht nur wegen der eigenen Infos zu Releases, Dates usw. einen Bookmark wert ist.

Hoffen wir also auf viele weitere Releases aus dem Finest Ego Hause und wünschen ihnen an dieser Stelle weiterhin gutes gelingen für ihre zukünftigen Projekte! Ein Plattform für kreative Köpfe, die keine Lust mehr auf “Intro-1st Verse – Hook – 2nd Verse – Hook – Outro” haben als auch für DJ´s, denen beim Betrachten des normalen Club Publikums jeglicher Glaube an eine bessere Zukunft abhanden kommt, können wir auf jeden fall sehr gut gebrauchen, vor allem, wenn es sich dabei um eine derart qualitative hochwertige Plattform handelt, wie im Falle von Finest Ego!

http://finestego.com/
Text:
Credits: Danke an Malte Tarnow für's Rede und Antwort stehen.
Foto(s): Max Winter
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