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deadwords » interviews 01.03.2009
Thesis Sahib – Immer in Bewegung

James Kirkpatrick aka Thesis Sahib steht niemals still. Erstes Aufsehen erregte er mit dem Cover Artwork zu Alias’ 2002er Album „The Other Side of the Looking Glass“ und seinem eigenen, Jahrs darauf erschienenem ersten Longplayer „Wartime Theme Songs for the Modern Ego“. Seitdem ist er weder aus der kanadischen Kunst- noch aus der weltweiten Progressive-Rap-Szene wegzudenken. Sein 2006 erschienenes, viel zu wenig beachtetes Album „Loved Ones“ ist einer der unterhaltsamsten Releases der letzten Zeit, seine Bilder, Installationen, handgemachten Zeitschriften und Bücher finden regelmäßig Galerien oder Herausgeber, und Kollaborationen mit der Gruppe HOWL, der lengendären Nihilist Spasm Band und Malern wie Peter Jackson, mit dem das neueste Projekt „Brain Trust“ entstand, unterstreichen den Wunsch und Willen des umtriebigen End-Zwanzigers, nicht mehr so schnell aus unser aller Gedächtnis zu verschwinden. Ein kurzes Gespräch per Email verhalf ihm schon mal in meines:

DEAD: Dein neues Buch zusammen mit Peter Thompson erscheint grade in Nordamerika. Was erwartet darin? Und was bedeutet „Brain Trust“?

An den Stücken haben wir insgesamt 3 Jahre gearbeitet. Wir haben uns an verschiedenen Orten getroffen, vor oder nach Shows des einen oder anderen, gaben die Blätter immer wieder weiter, malten über die Linien des anderen, benutzten Farbe und alles, was uns im Kontext sinnvoll erschien.

Thesis Sahib: „Brain Trust“ bedeutet, es einfach passieren zu lassen, dir selbst und den Leuten, mit denen du arbeitest, zu vertrauen, ihnen zu erlauben, Geräusche über deine Beats zu machen, über deine Bilder zu malen. Das hat den selben Geist wie Freestylen. Als ich so mit dem Rappen anfing, hat diese Art, Kunst zu schaffen, mich sofort angesprochen. Alle Zeichnungen, Collagen und Bilder im „Brain Trust“-Buch sind aus Kollaborationen zwischen Peter und mir entstanden, manchmal auch zusammen mit einigen unserer Freunde. An den Stücken haben wir insgesamt 3 Jahre gearbeitet. Wir haben uns an verschiedenen Orten getroffen, vor oder nach Shows des einen oder anderen, gaben die Blätter immer wieder weiter, malten über die Linien des anderen, benutzten Farbe und alles, was uns im Kontext sinnvoll erschien. Es gibt auch eine Menge Text, der die Bilder begleitet – der stammt aus dem, was wir beim Malen hörten, Insider-Witze, die sich in der Zeit entwickelt haben. Wir hören oft Musik, während wir malen, oder schauen uns Youtube-Videos an. An manchen Bildern haben wir abwechselnd über Jahre hinweg gearbeitet, bis wir der Meinung waren, dass sie jetzt fertig seien.

Peter und ich haben auch ein Musik / Noise Projekt, das wir ebenfalls „Brain Trust“ nennen und bei dem wir genauso wie bei den Bildern vorgehen. Wir verwenden dabei elektronische Klangerzeuger für unsere ungeplanten Songs. Am Ende entsteht dabei meist ein recht tanzbarer Mix aus seltsamen Piepsern und auseinander fallenden Geräuschen. Uns macht das eine Menge Spass und die Leute flippen schier aus, wenn sie uns hören. Wir hatten das Glück, der Nihilist Spasm Band (eine der wichtigsten experimentellen Impro- / Noise- Bands weltweit) vorgestellt zu werden, die auch aus unserer Heimatstadt stammt.

DEAD: Abgesehen von diesem Projekt: Was sind deine Pläne für zukünftige Veröffentlichungen?

Thesis Sahib: Ich arbeite seit 2006 an einem Album, das jetzt fast fertig ist. Das ist eine Sammlung von Songs, die ich zusammen mit großartigen Produzenten aus Kanada, den USA und Europa gemacht habe. Aesthetisch ist das der logische nächste Schritt für mich und macht da weiter, wo „Loved Ones“ aufgehört hat; nur die Songs sind diesmal länger. Ich habe das Gefühl, dass dies das stärkste Album ist, das ich bisher gemacht habe.

DEAD: Woher kam eigentlich die Idee mit diesen kurzen Songs auf „Loved Ones“? Der längste Song darauf ist 1:42 Minuten lang – das erinnert ja mehr an Hardcore oder Punk…

Thesis Sahib: Nyles (Produzent von „Loved Ones“) und ich waren, als wir jünger waren, beide in mehreren Punk- oder von Punk inspirierten Bands aktiv, aber auch schon an HipHop interessiert. Das spielte schon eine Rolle bei „Loved Ones“. Es ist seltsam: Diese kurzen Songs auf dem Album sind, was die Leute an „Loved Ones“ lieben oder hassen. Für uns war das Konzept ein Experiment, das wir mal ausprobieren wollten, und bei dem wir dann geblieben sind. Ich bin glücklich darüber, dass es so lief. Der Titel „Loved Ones“ kommt vom Slogan eines Werbespots, und die Songs unseres Albums sind so gedacht, dass sie in der Art eines TV-Spots produziert werden konnten. Wir wollten ein-einhalb Minuten Songs für eine neue Generation, deren Aufmerksamkeitsspanne genau so lange reicht, bis sie zur nächsten Idee wandert. Ich sage, was ich zu sagen habe. Dann ein Chorus. Vorbei.

Wir wollten ein-einhalb Minuten Songs für eine neue Generation, deren Aufmerksamkeitsspanne genau so lange reicht, bis sie zur nächsten Idee wandert. Ich sage, was ich zu sagen habe. Dann ein Chorus. Vorbei.

DEAD: Ich habe gehört, dass die 2 Songs von der „Les Swashbuckling Napoleons“ 7inch zusammen mit Bleubird eigentlich nur die Überreste eines verschollenen Albums sind?!

Thesis Sahib: Das ist eine sehr frustrierende Geschichte. Während wir beide voneinander getrennt tourten, konnten wir uns an verschiedenen Orten wie Halifax, Toronto, London, Detroit oder in Florida treffen. Jedes Mal wenn wir uns getroffen haben, haben wir ein paar Songs aufgenommen, und ohne Ausnahme haben wir wirklich j-e-d-e-s Mal kurz nach der Abreise die grausige Nachricht bekommen, dass der Computer unseres Freundes, bei dem wir aufgenommen hatten, abgestürzt war. Die Technik war unseren Raps wohl nicht gewachsen, und nur 3 der 12 Songs haben überlebt. Immer wenn wir uns trafen, hatten wir das Gefühl, dass das unsere beste Arbeit bis zu jenem Zeitpunkt war… und das alles ist nun weg. Obwohl wir uns noch öfter getroffen haben, waren wir einfach zu frustriert, um es noch einmal zu versuchen. Aber es gibt auch gute Neuigkeiten. Ich will hier nichts heraufbeschwören, aber ein Sponsor hat Bird und mich für ein neues Album eingeladen, und wenn alles gutgeht, könnte es im Juni soweit sein.

DEAD: Gab es dann jemals eine Situation, in der du dich zwischen den beiden entscheiden musstest?

Thesis Sahib: Zwei Mal haben mir Kunsthändler, Galeristen gesagt, ich solle mit der Musik aufhören und mich nur noch auf das Malen konzentrieren. Zu denen habe ich keine funktionierenden Beziehungen mehr.

DEAD: Was denkst du über diesen Street Art Hype, der nun schon jahrelang durch alle Medien geistert? Glaubst du, irgendwer außerhalb eines kleinen Kreises profitiert wirklich davon?

Thesis Sahib: Auch wenn Graffiti ein wunderbarer Teil meines Lebens war und mich überhaupt erst in die Galerien gebracht hat, hat dieser aktuelle Hype nichts mit mir zu tun, und ich versuche mich zu verhalten, als ob es ihn nicht geben würde. Für mich hat das zu sehr etwas von einer sicheren Formel, einen schalen Beigeschmack. Auf eine Art hat es etwas ruiniert, das für mich und einige Freunde lange Zeit eine unserer größten Leidenschaften war. Ich würde mir wünschen, dass man meine Kunst betrachtet, ohne dass der derzeitige Trend im Graffiti dabei die Meinungen beeinflusst. Ich stelle auch nicht mehr in Galerien aus, die sich auf so etwas wie Street Art oder Graffiti spezialisieren. Ich spüre da selten eine Verbindung und fühle mich in zeitgenössischen Galerien wohler, wo es aufregende neue Arbeiten zu sehen gibt.

Ich stelle auch nicht mehr in Galerien aus, die sich auf so etwas wie Street Art oder Graffiti spezialisieren. Ich spüre da selten eine Verbindung und fühle mich in zeitgenössischen Galerien wohler, wo es aufregende neue Arbeiten zu sehen gibt.

DEAD: Was werden deine nächsten Projekte sein? Wirst du sie auch in Europa zeigen?

Thesis Sahib: Anteism, die auch „Brain Trust“ veröffentlicht haben, wollen eventuell eine Retrospektive meiner Graffiti-Arbeiten herausbringen. Derzeit versuche ich, Auftritte in Städten zu kriegen, in denen es auch Comic- / Zine- / Buch-Ausstellungen gibt, an denen ich durch Brain Trust und meine anderen Hefte beteiligt bin. Wie gesagt, arbeite ich derzeit an vielen Skulpturen, auch mit Sounds, sowie Arbeiten, die sich mit Licht und Schatten auseinandersetzen. Ich schreibe, zeichne, arbeite ständig. Derzeit bin ich Teil einer Gruppen-Ausstellung von Psychedelia-Künstlern, die durch Museen in Kanada tourt, und ich wurde für zwei „Künstler-Residencies“ ausgewählt.

Ich habe noch keine Repräsentanz für Galerien in Europa und auch noch keine Pläne für Ausstellungen dort, obwohl ich mir vorstellen könnte, mit einer guten Organisation dort zu arbeiten. Bis Januar nächsten Jahres habe ich verstreute Tourdaten und Ausstellungstermine, aber ich werde ziemlich sicher die Zeit finden, noch mal nach Europa zu kommen. Überall dort auf den Kontinent sind die Menschen so unvoreingenommen, was Musik angeht, und auch generell sehr interessante und kreative Menschen. Wenn meine Lebensumstände halbwegs gesichert wären, würde ich gerne in Europa leben.

http://www.jameskirkpatrick.org/
Published in DEAD Magazine Issue VI
Text:
Foto(s): Thesis Sahib
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