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deadwords » interviews 01.03.2009
Astronautalis – … um davon zu erzählen!

Wenn Astronautalis für etwas steht, dann ist das die Vielseitigkeit, die Verwandlung. Seine Musik, die sich irgendwo zwischen Indie Hip-Hop und Folksongs bewegt, ist kaum endgültig einzuordnen und will genau diese Kategorisierung wohl auch zuletzt. Als ich 2006 sein erstes offizielles Album in den Händen hielt und mich in “The Mighty Ocean & Nine Dark Theaters” melancholischen Weiten verlor, den feinfühligen Geschichten folgte, hätte ich kaum gedacht, dass mir der selbe Künstler 3 Jahre später eines der energetischsten Konzerterlebnisse seit Langem bescheren würde, dass eben jener Künstler einst jahrelang von Battle zu Battle reiste und es nun, anno 2009, schafft, ein zum Großteil mit armverschränkten Indierockern bestücktes Publikum durch Freestyleraps endgültig in seinen Bann zu ziehen. Wenn man ihn mit hochrotem Kopf die Emotionen seiner Charaktere brüllen sieht, spürt man in jeder Faser, dass er auf der Bühne zu Hause ist. Wir haben ihm einige Fragen über das Geschichtenerzählen, Touren und natürlich sein neues Album “Pomegranate” gestellt.

DEAD: Eine deiner bemerkenswertesten Eigenschaften als Musiker ist sicher deine Fähigkeit, Geschichten zu erzählen. Wie arbeitest du mit diesen Geschichten? Siehst du sie als Spiegel für so etwas wie Gesellschaft oder nimmst du sie als erweiterte Metaphern?

Astronautalis: Ich komme aus einer Familie von Männern, die alle ziemlich sagenhafte Jugenden gelebt und sich später in ihren Leben zufrieden zur Ruhe gesetzt haben und zu Geschichtenerzählern gewachsen sind… Raconteure ihrer eigenen Abenteuer. Meine Onkel sind durch die Welt getrampt, meine Großväter waren Piloten, Spione und Soldaten, und mein Vater hat das noch mal alles erlebt. Sie hatten alle unglaubliche Lebensgeschichten und diese haben sie gut erzählt; dadurch haben sie die Ansprüche für mich ziemlich hoch gelegt, und ich versuche nun, sie zu toppen, indem ich meine eigene Geschichte aus meinen Reisen baue. Viele meiner persönlichen Geschichten drücken sich in meiner Musik aus, aber mittlerweile finde ich sogar noch mehr Glück darin, anderer Leute Geschichten zu erzählen. Indem ich meine eigenes an ihres hänge, bekomme ich eine Ahnung davon, was in diesen Leben, die ich niemals leben werde, passiert. Ich sammle also all diese Geschichten, und ich tue das, um mit ihnen Beweismaterial für ein bestimmtes Gefühl, für größere Vermutungen, die ich über das Leben, die Gesellschaft anstelle, zu haben; Motive und Themen, die mich zu eben diesen Zeiten beschäftigen.
Das Geschichtenerzählen ist die Gabe, mit der ich geboren wurde, das Werkzeug, mit dem ich umgehen kann: mein Meißel, mein Pinsel und meine Gitarre. Und auch wenn ich wirklich viel Spaß dabei habe, sie einfach nur zur Unterhaltung zu erzählen, hoffe ich doch zutiefst, mein Können dafür zu nutzen, größere Gedanken und Vorstellungen an das Publikum weiterzugeben. Und um das sicherzustellen, beginne ich immer zuerst mit der Hypothese… und finde dann die Gesichten, die mein Argument stützen sollen.

DEAD: Die Songs auf deinem neuen Album sind nicht mehr nur die einfühlsamen und detailreichen Geschichten, die man von dir seit “The Mighty Ocean…” erwartet. Sie sind alle auf die eine oder andere Weise mit amerikanischer Geschichte verbunden. Warum kannst du deinen Punkt nicht ohne diesen Hintergrund machen?

Astronautalis: Ich glaube, dass die meisten Menschen, dank der vielen langweiligen Geschichtslehrer, vergessen, dass Geschichte einfach aus einer Ansammlung großartiger Geschichten und Legenden besteht. Manche davon sind akkurat und gut dokumentiert, andere wurden gedehnt und gebogen, um der Sicht eines Historikers zu helfen – aber sie alle haben kulturelle Bedeutung. Da steckt aber natürlich auch noch ein ganz persönliches Interesse dahinter.
“The Mighty Ocean…” arbeitete mit Geschichten aus meiner eigenen Jugend, um eine Idee davon zu skizzieren, was für mich die Idee eines Kreises von Aufwachsen bzw. von Leben-Lernen bedeutet. Bei “Pomegranate” wollte ich mich nun mit der Motivation hinter der Hingabe und der Liebe entgegen aller Widrigkeiten, die sie als unmöglich erscheinen lassen, befassen. Zu der Zeit habe ich versucht, eine absurde, einfach nicht in mein Leben passen wollende Liebe zu meistern, und ich wollte nach Ereignissen suchen, die Menschen dazu bringen, für kleine und große Lieben gegen nicht überwindbare Hindernisse zu kämpfen. Was lässt jemanden seine Träume betrachten und sagen: “Ist das alles?”. Und ich wollte zeigen, dass dieselbe Kraft, die eine Revolution zu einer siegreichen macht, auch eine Liebe blühen, eine Familie überleben lässt. Ich glaube nicht, dass ich diese Ideen komplett mit meinem Leben füllen könnte. Also war ich fast schon dazu gezwungen, mich in Leben zu vertiefen, über die ich nur gelesen hatte – mich durch die Lebensgeschichten historischer Persönlichkeiten zu graben, war eine natürliche Entscheidung für mich. Dass dieses Album ohne Wikipedia um einiges schwieriger zu verwirklichen gewesen wäre, muss ich da wohl kaum erwähnen…

Was lässt jemanden seine Träume betrachten und sagen: “Ist das alles?”. Und ich wollte zeigen, dass dieselbe Kraft, die eine Revolution zu einer siegreichen macht, auch eine Liebe blühen, eine Familie überleben lässt.

DEAD: Du kommst aber eigentlich vom Battlerap. Was bedeutet dir das Freestylen heute?

Astronautalis: Freestylen ist für mich vor allem ein Taschenspielertrick. Ich bin wirklich dankbar dafür, in dieser Umgebung aufgewachsen zu sein; das hat mich zu einem besseren Schreiber, Entertainer und technisch profunden Rapper gemacht. Aber jetzt habe ich mich da kreativ ziemlich verrannt. Ich mag es, Geschichten in die Freestyles einzuweben, ich mag einfach die Freude, die das dem Publikum bereitet… aber es ist schwer für mich, das magische Gefühl einer Geschichte, die auch noch Bedeutung über ihren Plot und ihre Pointe hinaus hat, so zu erzeugen. Vielleicht erwarte ich zu viel von diesem Medium? Oder vielleicht muss ich noch eine Menge mehr lernen? Egal was davon stimmen mag, ich nutze das natürlich noch in meinen Live-Shows und bezweifle, dass ich es jemals sein lassen werde.

DEAD: Da du ja wirklich extrem viel reist und tourst, hast du sicher auch eine besondere Verbindung zu deinem Land. Wie würdest du sie beschreiben?

Astronautalis: Ich liebe mein Land, ich liebe seine Geschichte, seine Größe und Vielfalt… und eben auch alles, was an Gutem und Schlechtem damit verbunden ist. Wir haben die letzten Jahre über nicht gerade den besten Eindruck gemacht, und wir hinterlassen der Welt eine eher durchwachsene Erbschaft, aber die Geschichte hat bewiesen, dass jedes Land in unserer Position viel Gutes und viel Schlechtes geschaffen hat… zeitweise mit den selben Händen. Wie auch immer, meine Reisen durch Amerika haben meine Liebe von Grund auf wieder erstarken lassen und bewiesen, dass die Amerikaner, alles in allem, ein großartiges Volk sind. Ich kenne Amerika durch seine Nachclubs, Couchen und Küchen. Meine wacklige Karriere als Musiker ist vollständig auf der freigiebigen und erwartungslosen Natur der Amerikaner gebaut, die mich in ihre Leben und Wohnungen eingeladen haben, und meine Liebe für Amerika ist von dieser einzigartigen und persönlichen Verbindung, die nur aus eben dieser Art von Intimität wachsen kann, geformt. Amerika war nicht zu jedem gut, aber zu mir war es sehr gut, und ich wäre ein Idiot, würde ich eine dieser beiden Wahrheiten jemals vergessen.

DEAD: Und was bedeutet dir dieser “Lifestyle” des tourenden Musikers?

Astronautalis: “It’s every drifter’s confirmation: that the world is a beautiful place” -Ronald Mardeusz. Manche werden für ihre Arbeit finanziell entschädigt, ich werde in großartigen Geschichten, neuen Freunden und niemals endenden Reisen bezahlt.

DEAD: So ziemlich alles, was man über dich zu lesen und zu hören bekommt, hat mit der Hingabe an deine Musik zu tun. Wie und wann hast du dich dazu entschieden, einer Karriere als Musiker eine Chance zu geben?

Astronautalis: Während meines letzten Jahres an der Universität hat mein bester Freund Brock mich wirklich schon dazu gedrängt, Vollzeit-Musiker zu werden. Er hatte schon immer einen starken Glauben an meine Fähigkeiten und arbeitete Überstunden, um sicherzugehen, dass andere auch zu sehen bekamen, was er sah. Über eine Tour, die wir mit Atmosphere machten, lernten wir eine Frau kennen, die eine Punk Wander-Tournee namens “The Warped Tour” buchte, und Brock hat das dann für mich klargemacht. Wir haben nichts daran verdient, aber Brock hat damals nach neun Jahren seinen Job gekündigt, einen Honda gekauft, und wir haben uns losgemacht, um es einfach zu probieren. Es ist dann so gut gelaufen, es hat sich alles so richtig angefühlt, dass wir nicht mehr aufhörten. Und hier steh ich jetzt, sechs Jahre später, und mache immer noch dasselbe, mit Brock an meiner Seite, auf einem anderen Kontinent.

DEAD: Du scheinst dabei aber einer der wenigen Musiker zu sein, der sich nicht allzu sehr um seine Internet-Persönlichkeit schert, der eher auf Tour geht als durch die Message-Boards zu wandern – glaubst du, dass das Internet überbewertet wird?

Astronautalis: Das Internet ist mein bester Freund, ich verdanke ihm einen großen Teil meiner Karriere. Aber ich war nie einer für die Message Boards. Es ist großartig, wie einfach es für mich ist, mit meinen Fans über Myspace in Kontakt zu bleiben, aber ich kann einfach nur eine bestimmte Menge an Zeit im Internet arbeiten, bis ich mich frage, was denn eigentlich mein Job ist. Ich gebe mir wirklich Mühe, jedem, der mir schreibt, zu antworten, mit meinen Hörern in Verbindung zu bleiben. Aber mehr als das kann ich einfach nicht tun, wenn ich noch Zeit haben möchte, um Musik zu schreiben. Ich hab die besten Fans und bin glücklich, einige davon meine Freunde nennen zu dürfen, und gerade deswegen werde ich auch jedem zurückschreiben. Aber ich werde niemals die Möglichkeit, einen Song zu schreiben, auf einen Baum zu klettern oder einfach im wirklichen Leben Spaß zu haben, gegen einen Chat eintauschen.

Ich hab die besten Fans und bin glücklich, einige davon meine Freunde nennen zu dürfen, und gerade deswegen werde ich auch jedem zurückschreiben. Aber ich werde niemals die Möglichkeit, einen Song zu schreiben, auf einen Baum zu klettern oder einfach im wirklichen Leben Spaß zu haben, gegen einen Chat eintauschen.

DEAD: Du hast bisher mit jedem Album einen ziemlichen Sprung gemacht, egal, ob es da um Texte oder Produktionen, etc. ging – was denkst du, war der größte Fortschritt, den du mit “Pomegranate” gemacht hast?

Astronautalis: Ich habe 2 Jahre an den Songs geschrieben, und jeder Schritt dieses Prozesses war ein harter, bis es dann endlich an die Aufnahmen ging. Ich wollte endlich wissen, ob ich klare und konzise Songs schreiben kann, und da ich kein wirklich guter Musiker bin, war es schwierig, die letztlichen Songs zu meistern. Aber ich glaube, ich habe mein Ziel erreicht. Ich hab wirklich Monate damit verbracht, mit den letzten vier Zeilen von “The Wondersmith and His Sons” zu kämpfen, die richtigen Akkord-Wechsel für “The Trouble Hunters” haben mich fast ein Jahr gekostet… so schwer habe ich noch nie an einem Album gearbeitet, aber ich habe das Gefühl, dass ich dabei eine Menge über Songwriting und die Arbeit des Musikers gelernt habe. Das ist ein großer Schritt für mich.

DEAD: Auf dem neuen Album hast du ja zum ersten Mal mit dem Produzenten John Congleton gearbeitet. Wie habt ihr euch kennen gelernt und wie viel Einfluss hatte er auf deine Musik?

Astronautalis: Während meiner Zeit in Dallas wurden viele seiner Freunde auch meine Freunde, auch Mitglieder seiner Band The Paper Chase. Wir haben dann ein paar Auftritte zusammen gespielt, zusammen abgehangen und haben dann angefangen, darüber zu reden, eines Tages gemeinsam eine Platte zu machen. Er wollte schon immer an einem Rap Album mitarbeiten, und ich hatte das Gefühl, dass er der perfekte Typ wäre, um meine Idee von “Pomegranate” zu verwirklichen… also haben wir das einfach gemacht. Er hat mir definitiv dabei geholfen, einigen meiner Ideen Leben zu geben, und du kannst seinen “Sound” überall auf “Pomegranate” hören. Auf meinen vorherigen Alben habe ich viel von Radical Face gelernt, und auf diesem hat John mir dabei geholfen, die Dinge selber fertig zu kriegen. Radical Face haben mir beigebracht, wie man Alben macht; John hat mir das Vertrauen gegeben, es selbst zu schaffen.

DEAD: Du hast ja mal gesagt, dass Musik sich ständig verändern wird und immer eine Herausforderung bleiben muss. Kannst du erahnen, in welche Richtung dein nächstes Album gehen wird?

Astronautalis: Ich versuche immer noch abzusehen, in welche Richtung ich den Sound meines nächsten Albums lenken will. In letzter Zeit habe ich mich ziemlich auf die Wissenschaften eingeschossen, sowohl die neuesten Erkenntnisse als auch Eindrücke der großen Erkenntnisse und Erfindungen, vor allem im 18. und 19. Jahrhundert. Ich bin ziemlich begeistert von den Skulpturen Richard Serras und Micael Haizers, der Musik von Rachel’s, den Stücken von Tom Stoppard, und ich versuche mir Physik beizubringen… Ich habe keine Ahnung, wie das alles auf einer neuen Platte zusammenfließen kann, aber ich komme dem näher. Derzeit schreibe ich jeden Tag Ideen auf. Es wird bald alles in mir zusammenkommen und es wird anders sein als “Pomegranate”, das kann ich versprechen.

http://www.myspace.com/astronautalis
http://www.eyeballrecords.com/
Published in DEAD Magazine Issue VI
Text:
Foto(s): Eyeball Records
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