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deadwords » interviews 22.08.2008
Subtle – Popsongs für Ungötter

Die bisher erschienenen 3 Studio-Alben und diversen EPs des Sextetts um den Rapper, Sänger, Performer, Art-Cutter, usw. DoseOne gelten vielen als mit das Spannendste, was derzeit an progressiver Musik passiert. Fern aller Genres sind Adam Drucker’s markant näselnde Stimme und seine rätselhaften Texte wohl nach außen das erste, dem man als rotem Faden durch die komplex arrangierten Songs folgen könnte. Mit ihrem neuen Album “ExitingARM” verhält es sich nicht viel anders: Auch wenn die Songs als solche langsam zugänglicher werden, der Gesang gegenüber gerappten und gesprochenen Passagen mehr Raum einnimmt, die Melodien auch mal ganze Songs tragen dürfen, wird man immer noch erschlagen vom Ideenreichtum, der ihnen innewohnt. Sieht man die Stimme weiterhin als Fremdenführer an, wird man sich dabei aber auch gewahr, dass dieser in einer scheinbar wirklich fremden, immer komplexer werdenden Sprache spricht.

DEAD: In einem Interview meintest Du, dass das großartige an eurer Musik ist, dass sie eine ganze Welt in sich birgt. Nämlich die des Protagonisten der Subtle Alben – Hour Hero Yes. Kannst Du diese mal in ihren Grundzügen erklären?

Hour Hero Yes ist ein “modern man” – so unrein und fehlerhaft wie brillant, ein Held und ein Tor (hero and fool). Die drei Subtle Alben folgen seinem Arm und Aufstieg. “A New White” sind die Texte der Hülle und des Mannes, der Yes einmal war, mit dem er sich nun abgleichen muss.

DoseOne: Hour Hero Yes ist ein “modern man” – so unrein und fehlerhaft wie brillant, ein Held und ein Tor (hero and fool). Die drei Subtle Alben folgen seinem Arm und Aufstieg. “A New White” sind die Texte der Hülle und des Mannes, der Yes einmal war, mit dem er sich nun abgleichen muss. All das findet in einem Schlafzimmer in Oakland statt. Seine Suche nach sich selbst wird bald intensiver, und das Schlafzimmer beginnt zu leben. Seine Alpträume, Ängste und Phantasien werden überflutet von Omen und Kreatur. Mit dem Ende von “A New White” öffnet Yes die Türe und geht – die Angst im Rücken.

“For Hero : For Fool” zeichnet und vertont den Weg, den er nun in die Welt nimmt: Je mehr er seine Tage auslebt, desto epischer werden sie, während die Omen und Ahnungen überhand nehmen, sich manchmal direkt in die wachen Tage von Yes injezieren. Am Ende seiner Abenteuer gibt er seine Versuche mit der Welt auf. Was übrig bleibt, ist sein großes, sein reinstes Selbst; permanent prosaisch entscheidet sich Yes dazu, dieses Leben zu verlassen und durch eine Türe in seinem Traum zu tauchen. Was ihm dabei verschlossen bleibt, ist, dass es aber keinen Ausweg gibt, dass Yes es grade mal geschafft hat, von einer Gefangenschaft in die nächste zu springen.

Und hier setzt “ExitingARM” ein: Das Album ist eine Sammlung von Pop Songs, die Yes für die Un-Götter geschrieben hat, damit sie ihn bei sich behalten / mit denen sie ihn bei sich behalten. www.exitingarm.com ist dazu die grafische Übersetzung seines Almanachs, den er vor den Un-Göttern versteckt; eine Sammlung von Wahrheiten, aus der er seine Texte schöpft, um eine Art subversiven Inhalt und damit auch Ehrlichkeit in den Kern der Pop Songs zu legen, die er gezwungen ist zu schreiben. Dieser Almanach ist wirklich, ist ein Artefakt unserer Vorstellung und gleichzeitig deren Ausführung.
DEAD: Nachdem das auf der letzten Tour viele Leute überfordert hat – was sollen diese ganzen Gabeln überall?

DoseOne: Die Gabel begann für mich als das Wappentier der amerikanischen Seele. Dann tauchte sie wieder auf als der Schwarm, den Dept. Officer promise in der Geschichte um Hour Hero Yes reitet. Und so fing auch ich an, sie wie während des Songs “Middleclass Stomp” fliegen zu lassen – und das Seltsamste trat ein: Die Leute fingen an, mir die Gabeln zum Unterschreiben zu geben, sie zu behalten; und so wurden aus ihnen die Wappentiere des Fans.

Zumeist wenn mich ein Motiv trifft, lasse ich es einfach machen, erlange seine Bedeutung erst langsam – genau wie sich die gesamte Geschichte von Yes erst langsam angehäuft hat.

Zumeist wenn mich ein Motiv trifft, lasse ich es einfach machen, erlange seine Bedeutung erst langsam – genau wie sich die gesamte Geschichte von Yes erst langsam angehäuft hat.

Immer bereit, dem Zuhörer noch etwas mehr zuzumuten, hat DoseOne nun seinen ganz eigenen Versuch einer Erklärung, den “theOughtAlmanach of AmessedFact Vol.I” herausgegeben – einen Almanach, der in 20000 Wörtern, aufgeteilt nach den wichtigsten Begriffen der letzten Alben, die Welt von DoseOnes Texten entschlüsseln helfen soll. Dass die Einträge in Gedichtform und in der für ihn typischen verspielten Sprache geschrieben wurden, verschweigt diese Beschreibung leider.

Nun ist aber grade dies gleichzeitig das Abschreckendste und Einladendste, was Subtle zu bieten haben: Ihre Musik, genau wie DoseOne’s Texte, soll den Hörer erschlagen, ihn überschütten mit Reizen und Eindrücken, bis er vollkommen in einer ihm anfangs noch fremd erscheinenden Welt aufgeht. An anderer Stelle war Doses Kommentar dazu, dass er die Regeln der englischen Sprache gern vergessen würde, um aus den Wörtern etwas vollkommen neues zu erschaffen, das dem, was er zu sagen hat, vielleicht viel näher käme.

DEAD: Einige gehen ja auf Deine Musik mit so einer Art Abwehr-Reflex zu, sagen: “Ach, das ist Kunst… Das kann ich eh nicht verstehen…”. Spürst Du eine Art Drang, diesen Menschen näher zu kommen? Die Pop-Songs, die Yes schreibt, sind ja auf mehrere Weisen eine solche Verbindung.

DoseOne: Ja, sie sind ein Versuch, mit dem Universellen in unserem Inhalt zu kommunizieren, mit unseren Persönlichkeiten, unserer Kunst… Und diese Reaktion, die Du ansprichst, basiert, wenn man sie zuende denkt, vor allem auf “dis-interest” oder Apathie; sie reflektiert die Luft des Heute, der man nicht entkommen kann, die man nicht verleugnen kann. Und genau darum geht es auf “ExitingARM” – die interessanten Belange unter den Desinteressierten; eine schwere und edle Angelegenheit.

DEAD: Ihr habt ja alle sehr verschiedene musikalische Hintergründe – bei dir und Jel HipHop, Alexander Kort (Cello) kommt von der klassischen Musik, Jordan Dalrymple (Drums) und Marty Dowers (Blasinstrumente) dagegen eher aus so einer Fusion-Rock Richtung. Wie schafft ihr es, gemeinsam Songs zu schreiben?

DoseOne: Wir improvisieren alle gemeinsam in einem Raum, und später sitzen wir zusammen, sortieren und suchen die stolzesten und abenteuerlichsten Momente daraus. Wir fangen dann dort noch einmal an, bei diesen wenigen Minuten Impro, machen ein Demo daraus, und der Rest ist dann Feinarbeit und das langsame Suchen nach der besonderen, manchmal sehr komplexen Pracht und Reinheit eines jeden Songs.

DEAD: Und wie übersetzt ihr diese Songs dann in die Live-Shows, für die ihr so bekannt seid? Wie trifft sich das alles wieder mit diesem großen Überbau, der eure Musik ja ausmachen soll?

DoseOne: Ich führe das wirklich alles zusammen – Hour Hero Yes ist ja eine eindeutige Anspielung auf eben diese eine Stunde, die wir auf der Bühne sind, wenn wir für all die Andeutungen und Weiterführungen unserer Kunst auch verantwortlich sind. It´s my favorite pocket of hot moments in life…

Wenn unsere Songs dann mal fertig sind, sitzen wir über ihnen und entscheiden, was davon wir live spielen werden. Dann samplen wir aus diesem Fundus, spielen dazu, versuchen gemeinsam, die Songs umzusetzen – wir covern uns also selbst. Allmählich komplettieren die Lieder sich dann, wenn wir sie so durchlüften, quasi von selbst, und werden alles, was sie für uns werden sollten. Jedes auf seine Art.

So wie der Session-Charakter der Songs das schon andeutet, sind auch deren Texte permanent im Clinch mit der Welt, in der die sechs Musiker leben. Wenn zum Beispiel immer wieder der „Arm“ auftaucht – wie schon im Albumtitel – verbindet sich dies auch mit dem schrecklichen Unfall, den die Band auf einer ihrer letzten Touren hatte, und seitdem Dax Pierson querschnittgelähmt auf einen Rollstuhl und vielfältige Arten von Hilfe angewiesen ist. Das Fehlen der Arme, der eingeschränkte Kontakt nach außen, die Verbindung von Kopf und Welt wurde seitdem mehr denn je zum tragenden Motiv in Doses Texten. (Arm bedeutet zudem auch Ast, Waffe, etc.)

Die Welt, die Dose nun in seinen Texten beschreibt, befasst sich von jeher mit solchen Verbindungen, allein schon weil sie selbst eine solche ist: Nämlich schlicht unsere Welt in Metaphern, und dort herrschen die zwei Un-Götter Dr. MoonOrGun und Reverend Pitman, deren Zwillingskinder, die HeadacheTwins, die Kontrolle über das Musikfernsehen, die kommerzialisierte Welt innehaben. Was also auf den ersten Blick schlicht konfus wirkte, beginnt mit dem finden eines von vielen Schlüsseln (ein weiteres Leitmotiv der Platten) an Sinn zu gewinnen.

DEAD: Siehst Du eine Möglichkeit, dass Dax jemals wieder ein Teil eures Live-Sets werden wird? Ihr arbeitet ja immer noch sehr intensiv zusammen.

DoseOne: Unglücklicherweise nein. Seine Gesundheit benötigt eine weitaus stabilere Umgebung als eine Tour sie ihm bieten könnte. Ganz zu schweigen von seinem Immunsystem, das keine Woche in dreckigen Clubs überstehen könnte. Dazu haben die meisten ja nicht mal eine Rollstuhlrampe.

Manchmal, wenn du dazu geboren wurdest zu töten, egal wie schrecklich deine Gabe ist, ist das immer noch Deine Gabe. – Die Frage ist einzig, wie du sie einsetzt. Ich plane, wieder zu battlen, die Welt der Schwachen und der Schwachsinnigen wieder zu erfahren. Ein dreckiger Job, aber jemand muss ihn ja machen…

Trotzdem ist das eines unserer Fernziele: Einmal wieder zu sechst auf der Bühne zu stehen, vielleicht in San Francisco oder Los Angeles. Ich würde alles geben, um das möglich zu machen. Eines Tages…

DEAD: Erst vor kurzen wurdest du in vielen Blogs aufgegriffen, nachdem du, anschließend an ein Interview, 2 Rapper mehr als nur erfolgreich gebattlet hast. War das nicht eine Phase deiner Karriere, die du bereits abgeschlossen geglaubt hattest?

DoseOne: Ehrlich gesagt, nachdem wir in Barcelona ausgeraubt worden sind, hat etwas in mir “klick” gemacht. Ein paar Wochen später spielten wir dann mit Subtle eine Show in Victoria, BC, und ein Typ, der rappt, kam Backstage und prollte rum, redete dauernd darüber, zu battlen. Ich hatte einfach eine scheiss Nacht, und machte ihn dann fertig. Seit knapp 8 Jahren hatte ich sowas nicht mehr gemacht, und auf einmal kam alles zurück wie Blut in deinen Kopf.

Manchmal, wenn du dazu geboren wurdest zu töten, egal wie schrecklich deine Gabe ist, ist das immer noch Deine Gabe. – Die Frage ist einzig, wie du sie einsetzt. Ich plane, wieder zu battlen, die Welt der Schwachen und der Schwachsinnigen wieder zu erfahren. Ein dreckiger Job, aber jemand muss ihn ja machen…

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Published in DEAD Magazine Issue V
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Foto(s): Lex Records
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