karhu
deadwords » interviews 22.08.2008
Karhu – Sinfonie für das stumpfe Schwert

Mit ihrer Vorab-Digital EP „Seven/Sixteen“ machten Karhu bereits Anfang 2007 auf sich und ihr geplantes Album aufmerksam. Dass nochmal über ein Jahr vergehen sollte, bis das Endprodukt fertig war, damit hatten selbst die Macher nicht gerechnet. Seit Juni jedenfalls ist das Album „Sinfonia For The Blunt Sword“ in seiner endgültigen Fassung im Internet verfügbar. Als Verfechter der Creative Commons Lizensierung stellten sie es ohne Hilfe eines Labels zum kostenfreien Download.

Wenn es ein Warn-Etikett „Nicht leicht zugänglich“ für Tonträger geben würde, so könnte „Sinfonia For The Blunt Sword“ diesem wohl nicht entgehen. Selbiges heißt natürlich nicht, dass das Werk zu abstrakt wäre, um überhaupt verstanden werden zu können. Eher ist es vielleicht die knapp bemessene Zeit der meisten Zuhörer mit der es sich schwertut. Das Album verlangt volle Aufmerksamkeit – und das über die gesamte Spiellänge. Mal schnell reinhören funktioniert nicht. Die Intensität und Komplexität der Produktion schafft eine eindringliche, gigantische Atmosphäre, die pausenlose Konzentration fordert. Die Wucht aus Sounds, ständig welchselnde und teils schwer durchschaubare, gebrochene Songstrukturen lösen sich erst nach einigen Hörminuten, oder vielleicht gar erst nach mehrmaligem Spielen auf.

Wir stellten Niklas von Karhu einige Fragen, in denen er verschiedene Aspekte des Albums erläutert.

DEAD: Woher kommt der Name Karhu und wer steht dahinter? Wie sind die Aufgaben bei euch verteilt?

Der einzige Weg momentan Musik zu veröffentlichen, die unter Creative Commons steht, ist entweder dies digital zu tun, oder die Tonträger selbst herzustellen. Für letzteres fehlen uns momentan die Resourcen.

Karhu: Karhu kommt aus dem Finnischen und heißt Bär. Ich weiß nicht mehr genau, warum wir den Namen gewählt haben. Den Großteil meiner Jugend habe ich eigentlich programmierend hinter dem Computer verbracht. Aus einem der umfangreicheren Projekte ergab sich dann die Bekanntschaft mit einem finnischen Graphikdesigner, der auf eine merkwürdige Art auf Bären fixiert war. Amüsiert von seiner verqueerten Person und Fixierung hat seine Begeisterung wohl unterbewusst abgefärbt. Haris hat als Metalhead natürlich eine Affinität zur nordischen Kultur und vor allem nordischen Sprachen. Insofern beschreibt der Name auf eine sehr persönliche und irrationale Weise unsere Herkunft. Das Projekt Karhu besteht also aus Haris und mir, Niklas. Haris hat sämtliche Gitarren eingespielt und mit ihm habe ich die ganzen Songideen entwickelt und die Ideen hinter dem Album entworfen und am Sounddesign gearbeitet. Die weitergehende Vertonung, sowie die Produktion habe ich dann übernommen. Einige Vocals, Kontrabassaufnahmen und Cuts sind auch von mir.

DEAD: Die Entstehung eures Albums „Sinfonia for the Blunt Sword“ hat sich über 3 Jahre hingezogen. Seit über einem Jahr gibt es bereits die Vorab-EP „seven/sixteen“ ebenfalls als freien Download. Was genau hat die Veröffentlichung nochmal so lange hinausgezögert?

Karhu: Die erste Version des Albums wollten wir eigentlich Ende 2005 fertig haben. Erst als vor Kurzem ein Freund zu mir meinte, dass er mich eigentlich seit jeher am Album arbeitend kennt, ist mir klar geworden, wie sehr und wie lange das Album gewachsen ist. Das hat natürlich die Komplexität am Ende bestimmt; der Perfektionismus war hierfür sicherlich die bestimmende Variable. Ich habe aber die Art zu Arbeiten – inklusive den retrospektiv betrachteten vermutlich krassen Perfektionismus -  zu jener Zeit als natürlich angesehen. 2006 und 2007 waren sicherlich die bestimmenden Jahre für den Sound, da habe ich pro Woche rund 10-30 Stunden mit den Arrangements verbracht. Momentan würde mich dieser Arbeitsstil zu viel Energie kosten.

Ich habe 2006 und 2007 pro Woche rund 10-30 Stunden mit den Arrangements verbracht. Momentan würde mich dieser Arbeitsstil zu viel Energie kosten.

Die Umsetzung des Konzepts mit allen Implikationen hat die meiste Zeit gekostet. Ich finde Konzeptalben seit jeher interessant, da so ein Album keine bloße Ansammlung von separaten Songs ist. Mit der Vielzahl der Alben, die letztendlich eine Compilation von Songs eines bestimmten Musikers sind, ist für mich auch die momentane Entwicklung in der digitalen Distribution nachvollziehbar. Man kann einzelne Songs von Alben kaufen/frei runterladen, und da diese durch die anderen Songs auf dem Album nicht zwangsläufig an Kontext gewinnen, wird das Album an sich fast belanglos und führt zu – wie es Misanthrop messerscharf beschrieben hat – „Singles, die Alben sammeln“. „Sinfonia For The Blunt Sword“ nimmt hier die andere Seite – nicht notwendigerweise bessere Position – der Extrema ein. 76 Minuten ein bestimmtes Album anzuhören, entspricht sicherlich nicht dem heutigen Musikkonsum. Aber das ganze Album ist in vielerlei Hinsicht ein Statement und an sich finde ich es auch interessant zu sehen, dass die meisten Songs darauf ohne die anderen nicht funktionieren.

DEAD: Während dieser 3 Jahre gab es sicher auch eine musikalische Entwicklung bei euch. Wie sieht eure Arbeitsweise aus?

Karhu: Prinzipiell sind alle Songs als reine, fast Akkustikgitarren-Songs bei Jamsessions entstanden. Dann wurden sukzessive neue Teile hinzugefügt bzw. Gitarrenspuren durch Samples und den ganzen Kram ersetzt. Das ist auch der Grund, warum man vom Haris im Endprodukt nicht so viel hört, wie er beigesteuert hat.
Ich frage mich immer noch, warum er mir bis jetzt noch nicht die Freundschaft gekündigt hat. Die konkreten Songs bzw. Tracks haben sich erst gegen Ende in der jetzigen Form ergeben. Grundlegend war der Prozess, neue Ideen und Einflüsse im bisherigen Material zu verarbeiten aber der stets gleiche: cut, paste, insert, delete, repeat.

DEAD: Das Album ist grundlegend aufgebaut in 3 Teile – entsprechend einer Sinfonie. Studiert einer von euch Musik oder wie kam es zu dieser Idee?

Karhu: Von uns studiert keiner Musik, aber wir haben immerhin beide eine klassische Musikausbildung. Eigentlich war der Grund, das Ganze wie eine Sinfonie aufzuteilen und zu arrangieren für uns eine logische Konsequenz, als sich der Sound des Albums immer mehr herauskristallisiert hat und das meiste Songmaterial noch formbar war. Die Einteilung ist grundlegend durch die musikalischen Stilmittel und den Sound, sowie durch die Komplexität der Arrangements bestimmt.

DEAD: Auf eurer Website heißt es: „Sinfonia for the Blunt Sword“ basiert grob auf dem Film “Metropolis” von Fritz Lang und war ursprünglich als alternativer Soundtrack dazu angedacht. Warum nur ursprünglich? Ging die Relation zum Film mit der Zeit verloren?

Karhu: Das Statement auf der Website habe ich beschissen ausgedrückt, da es ambig ist. Die Relation zum Film ging im Konkreten verloren. Ursprünglich wollten wir das Album möglichst exakt auf die Abfolge des Films arrangieren; das war aber mit der Entwicklung der Songs nicht vereinbar. Thematisch ist die Relation immer noch vorhanden. Einige Bilder und Assoziationsketten in den Lyrics machen ohne den Kontext des Films wahrscheinlich keinen Sinn. Der Film ist eigentlich das Urbild der modernen Dystopie mit all den bekannten Themen wie z.B. Kontrolle der Gesellschaft durch megalomanische Unternehmen. Diese Thematiken werden durchaus im Album verarbeitet. Andererseits werden diese noch durch aktuellere, z.B. bezüglich Überwachungsstaat aber auch geisten Eigentums erweitert. Das ganze Album gibt diese letztendlich in der Position des Beobachters wieder. Insofern ist das Album nicht mehr eine reine Vertonung des Films.

DEAD: Auf dem Album sind auch Rap-Texte in Deutsch und in Englisch zu hören. Ist Hip-Hop die Musik, die euch geprägt hat?

Karhu: Nein, Haris kommt aus den Untiefen des Metals und ich mehr aus der Elektronik/Klassik-Ecke, hauptsächlich mit Musik von Aphex Twin, Squarepusher, Autechre, Portishead oder Bach und Philip Glass aufgewachsen.

Die Ausdrucksweisen der Hip-Hop-Kultur sind heutzutage überall anwesend – und ich meine nicht das k1x-Schuhe-Tragen oder Kopfnicken über irgendwelche Amen-Break Derivate, sondern ihre etablierten Mittel, sich konkret und pointiert auszudrücken. Das ist für mich sowohl die ganze DJ/Sampling-Kultur, die letztendlich die Popmusik seit den 80ern formt, als auch die Vocals, die durchaus musikalisch unverspielt ihre Intentionen verlautbaren. Insofern fanden wir es durchaus sinnvoll, Aussagen, die gemacht werden sollten, auch entsprechend zu vertonen.

Ich persönlich sehe diese Ausdrucksform im Kontext des Albums lediglich als Stilmittel. Und empfinde die Verwendung dieser bezüglich der Umsetzung des Albums als konsequent. Aber das ist natürlich streitbar.

DEAD: Was erwartet und erhofft ihr euch jetzt von der Veröffentlichung?

Karhu: Momentan sind wir vorallem froh, dass das ganze zu Ende gebracht wurde. Wir möchten, dass das Werk wahrgenommen, anerkannt wird und Verbreitung findet. Ob die Kritik im speziellen positiv oder negativ ausfällt, ist uns soweit gleich.

Wir haben uns von Anfang an entschieden, das ganze unter die Creative-Commons Lizenz zu stellen und somit jedem die Möglichkeit zu geben, es zu verbreiten oder es anderweitig zu verwenden. Ob wir als Personen hinter Karhu Props bekommen, war immer sekundär und mit dieser Arbeit Geld zu verdienen, stand nie zur Debatte. Es geht uns wirklich nur um das Album an sich.

Eine große Masse an Zuhörern wird das Album aber vermutlich nie erreichen, da die hochfrequentierten Verbreitungs- und Konsummechanismen im Internet inhärent unvereinbar mit dem Wesen des Albums sind.

DEAD: Wieviele Downloads gab es bereits?

Karhu: Noch nicht genug, um mir sicher zu sein, dass das Album seinen Weg zu der offenen Hörerschaft findet bzw. gefunden hat. Wir haben aber bis jetzt noch keine groß angelegte Promotion gemacht.

DEAD: Ist auch eine Release auf „echtem“ Tonträger wie CD oder Vinyl geplant, oder seit ihr reine Fans des Digitalen?

Karhu: Geplant ist in dieser Hinsicht nichts, da wir keine derartigen Kontakte zu Labels haben und sich diese wahrscheinlich an der Creative-Commons-Lizenzierung stoßen würden.

Wir sind nicht Fans des Digitalen, aber Fans von CC. Wir sehen in der Weise, wie Musikbusiness heutzutage funktioniert, im besonderen bezüglich der Internetkultur, Defizite und Ungerechtigkeiten – nicht nur was die Musiker angeht, sondern insbesondere was die kulturelle Entwicklung von Musik betrifft. Der einzige Weg momentan Musik zu veröffentlichen, die unter Creative Commons steht, ist entweder dies digital zu tun, oder die Tonträger selbst herzustellen. Für letzteres fehlen uns momentan die Resourcen.

DEAD: Was sind die nächsten Projekte von Karhu?

Karhu: Karhu wird sich erstmal eine Auszeit nehmen. Haris ist mit seiner Metal-Band und einigen Singer/Songwriting-Sachen beschäftigt. Die EP seiner Band habe ich vor kurzem fertigproduziert; die ist schön brachial geworden. Ich arbeite momentan an ein paar kleinen Produktionen für Freunde, sowie einer recht verqueren Solo-EP und zusammen mit einem weiteren Elektroniktüftler an einigen Dancefloorfillers. Ich tobe mich also momentan überall ein bischen aus. Ich schreibe nach Ewigkeiten auch wieder an ein paar eigenen Audiotools weiter.

Für die nächste Karhu-EP/Album haben wir schon einige konzeptionelle Sachen dingfest gemacht und auch ein paar Takes aufgenommen. Ich denke, der kommende Sound wird weniger düster und dafür melodiöser. Man wird auch mehr von Haris hören und weniger von mir. Versprochen.

Abseits vom Musikmachen wird früher oder später ein Netlabel zusammen mit Playpad Circus an den Start gehen. Ich bin mal gespannt, wie sich das entwickelt.

http://www.karhumusic.org/
Published in DEAD Magazine Issue V
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Foto(s): Karhu
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