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deadwords » interviews 22.08.2008
Fbcfabric & Reindeer – Durch den Sturm

Soetwas wie „It´s not who you know, but whom you know“ hat man schon lange nicht mehr gehört. Ein Album, das einerseits vollkommen der Do-It-Yourself Herangehensweise des HipHop verschrieben ist, andererseits aber vollkommen durchkomponiert und dicht verwoben scheint, eines das so Herz erwärmend knackst und knistert, das gleichzeitig so pointiert wie intuitiv und persönlich scheint, dass man schon mit dem ersten Hören vollkommen in den Bann gezogen wird. Man denke nur an erste Erfahrungen mit Mobb Deep, DJ Shadow oder auch den immer wieder bei UK-Platten herangezogenen Blade und The Streets.

Die Perfektion der beiden Engländer liegt nun genau wie bei den grade genannten darin, dass sie kompromisslos zusammenfügen, was für sie wie selbstverständlich zusammengehört, was aber noch nie zusammen gehört wurde. Man spürt mit jedem Wort von reindeer, wie sehr ihn die Unmittelbarkeit einer Rap-Strophe als Teenager gereizt haben muss, man nickt zu fbcfabric’s Beats, wie er sich wohl zu rauen Produktionen der Mitt-Neunziger bewegt hat. Doch als die beiden sich 1999 im Süden Londons trafen, hatten sie sich bereits weit genug von diesen Einflüssen emanzipiert, um sie als Werkzeuge für neue Musik zu nutzen. Und so stehen heute auf der Liste ihrer Einflüsse GoodspeedYouBlackEmperor!, Black Heart Procession, Tom Waits, Low oder Tortoise. Allesamt Bands, die Genregrenzen vielleicht nicht neu definiert, in jedem Fall aber erweitert haben. Hört man nun „It’s not who you know, but whom you know“, wird man mit jedem Versuch, es zu fassen, mehr verunsichert. Die Platte beginnt mit rauschenden, in ihrer Herkunft kaum zu dekodierenden Field-Recordings, Stimmengewirr, Zahnwerke bei der Arbeit, Schritte kommen näher, während ein Synthesizer warm suchend, nah an der Hektik vor sich hin blubbert, bis dann der Beat zu „Soulsuck“ wie ein erschrecktes Einatmen beim überraschenden Öffnen einer verschlossen geglaubten Türe einsetzt. Der Song wurde letztes Jahr zu einem Underground-Hit auf BBC-Radio, nachdem ein Demo in die Hände eines Moderators geraten war.

Ich habe eine starke Abneigung gegen „cleane“ Musik. Das ist für mich wie, wenn man eine zwar verzerrte Gitarre so „gut“ und glatt aufnimmt, dass ihr alles an Aussagekraft genommen wird, und du dann in einem Vakuum zurückbleibst, in das der Gitarrist mal versucht hat, seine Gefühle zu packen.

fbcfabric: Ich habe 1995 damit begonnen, Musik zu komponieren. Mein „Background“ ist ein wirklich einfacher: Ich war so ziemlich in jedem Fach schlecht, schloss die Schule mit dem absoluten Minimum an Leistungen ab, und hatte damit dann auch kein konkretes Ziel oder sowas. Ich versuchte mich am College, und scheiterte. Also fing ich zu Hause an, Musik zu schreiben. Ich bin mir nicht sicher, warum – es scheint einfach passiert zu sein. And that´s that. Ich kann keine Instrumente spielen, weder Noten lesen noch schreiben; nichts, was ich produziere, hat soetwas wie eine musikalische Struktur. Ich höre einfach auf, wenn es mir richtig scheint. Reindeer habe ich über einen gemeinsamen Freund getroffen, der damals zusammen mit ihm geschrieben hat. Hätte der sich nicht von der Idee verabschiedet, wären wir jetzt zudritt.

Letztes Jahr dann waren sie zum ersten Mal gemeinsam auf Europa Tour, und begeisterten dabei mit einer siebenköpfigen Band, die den eh schon episch weit arrangierten Songs noch ein letztes Quentchen Tiefe gaben, und ein neues Konzept der Live Umsetzung von Rap Songs, fern von peinlichen HipHop-meets-Klassik Derivaten oder The Roots Epigonen, präsentierten. Reindeers Texte und fbcfabrics Beats, das wurde damit klar, waren von Anfang an nicht mit dem Anspruch entstanden, einem Genre zuzuspielen. Die Lyrics sind prägnant genug geschrieben, um sich gar nicht erst gegen irgend etwas behaupten zu müssen, und bei den Produktionen fällt vor allem Anderen ins Auge, wie feinsinnig sie abgemischt und zusammengestellt worden sind: Instrumente, Samples, „Geräusche“ und Stimme scheinen alle gleichberechtigt und schaffen das, was der Forderung der beiden nach Atmosphäre mehr als gerecht wird.

Die hässliche Wahrheit ist, dass wir alle, ob es uns gefällt oder nicht, am Arsch sind. Wir setzen uns jetzt aber nicht weinend in die Zimmerecke, um irgendwen zu beeindrucken. Keiner von uns läuft durch die Gegend, und erzählt jedem, wie wertlos sein Leben sei. 

Fbcfabric: Ich versuche einfach, alles so klingen zu lassen, wie es klingen sollte. Ich habe eine starke Abneigung gegen „cleane“ Musik. Das ist für mich wie, wenn man eine zwar verzerrte Gitarre so „gut“ und glatt aufnimmt, dass ihr alles an Aussagekraft genommen wird, und du dann in einem Vakuum zurückbleibst, in das der Gitarrist mal versucht hat, seine Gefühle zu packen. Meiner Meinung nach ist das Instrument, ja, sogar das, was auf ihm gespielt wird, nur ein sehr kleiner Teil des Gesamtbildes. Das wirklich Wichtige ist, was du nicht bewusst hörst. Alles dreht sich doch um die Umgebung des Instruments und seines Spielers – die Atmosphäre.

Reindeer: Wenn da jemand im obersten Stockwerk eines Gebäudes Gitarre spielt, und dabei über die Stadt sieht, dann will ich auch diesen Raum hören, den Hauch und den Klang der Straße, wie sie durch das Fenster kommen, seine Finger am Griffbrett, seinen Atem und das Geräusch des schreienden Nachbarn.

Das auf Buttercuts erschienene Album ist nun in vier Partien unterteilt, mindestens zu gleichen Teilen instrumental wie mit Vocals bestückt, und lässt dabei den einzelnen Versatzstücken genug Platz, um Stimmungen entstehen zu lassen. Es kommt der Zeitpunkt beim Hören, an dem man kaum mehr zwischen den Noise-Passagen und Rapsongs unterscheidet, an dem man von dem, was man fühlt, übermannt wird und jedem Ausdruck dessen gleiches Gewicht einräumt.

Das Album musste düster werden, denn wir waren an einem düsteren Ort – es geht dabei aber genauso sehr um das Kommunizieren, darum jemanden zu erreichen, zu erklären, wie es sich anfühlt. Ein Gefühl zu erzeugen, dass man nicht alleine in diesem Sturm steht.

Fbcfabric: Über die Stimmung des Albums war schon entschieden, bevor wir überhaupt mit ihm begonnen hatten. Es war klar, dass es eine dunkle Sache werden würde, wenn man sich anschaut, in wessen Händen die Angelegenheit lag. Die hässliche Wahrheit ist, dass wir alle, ob es uns gefällt oder nicht, am Arsch sind. Wir setzen uns jetzt aber nicht weinend in die Zimmerecke, um irgendwen zu beeindrucken. Keiner von uns läuft durch die Gegend, und erzählt jedem, wie wertlos sein Leben sei. Ich kaufe auch coole Sachen, wie jeder andere auch. Der Unterschied ist wohl, dass ich mir darüber im Klaren bin, dass ich mit ihnen eine Lücke in meinem Leben fülle. Ich stelle mich mit Dingen, die ich nicht wirklich brauche, ruhig. Ich weiß nicht warum, aber ich fühle mich gut damit, und – ehrlich gesagt – ich will mich ja besser fühlen…

reindeer: Soviel Zeit wie wir über Musik reden, reden wir auch über die Welt, in der wir leben. Es war klar, dass das Album eine Erweiterung von uns als Individuen und Freunde sein würde, die sich mit dieser verwirrenden Zeit schwertun. Das Album musste düster werden, denn wir waren an einem düsteren Ort – es geht dabei aber genauso sehr um das Kommunizieren, darum jemanden zu erreichen, zu erklären, wie es sich anfühlt. Ein Gefühl zu erzeugen, dass man nicht alleine in diesem Sturm steht.

Grade arbeiten die beiden gemeinsam mit ihrer Band an einem neuen Album, und den Aufnahmen ihres derzeitigen Livesets. Daneben ist fbcfabric mit einigen Produktionen und Remixen für Freunde beschäftigt, während reindeer an Projekten gemeinsam mit 2econd Class Citizen, James P. Honey, lmnt819, Epilog und cocon arbeitet.

http://www.fbcfabricandreindeer.com/
Published in DEAD Magazine Issue V
Text:
Foto(s): Mike Rea
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