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deadwords » interviews 26.01.2008
Sole – Eigentlich sollte ich reich sein…

Das selbstbetitelte Debut-Album von „Sole and the Skyrider Band“ war 2007 neben Sole´s Instrumental-Projekt „Poly.Sci 187“ die zweite große Überraschung für die verbliebenen Rap-Fans des mittlerweile in neue Musikstile expandierenden Anticon-Labels. Wir trafen ihn vor seinem Konzert in Berlin zu einem ausgiebigen Gespräch.

DEAD: Hallo Tim, willst Du Dich vorstellen?

SOLE: Hallo, ich bin SOLE a.k.a. Tim Holland. Ich habe Alternative-Rap erfunden. Nein, war nur ein Spaß (lacht).

DEAD: Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Skyrider und schließlich der Band?

SOLE: Angefangen habe ich ja damals mit Produzenten wie Jel, Odd Nosdam und Alias, und irgendwann bin ich an den Punkt gekommen, an dem ich mit dieser Art zu arbeiten nicht mehr zufrieden war, weil diese Produzenten irgendwie immer eine Vorstellung davon hatten, welche Beats zu mir passen, und wie das Ganze zu klingen hat. Als ich dann damit begonnen habe, eigene Beats zu machen, wollte ich, dass meine Sachen größer, experimenteller und verrückter werden. Schließlich wollte ich dann nicht mehr nur auf Beats rappen. Also habe ich mir überlegt, wo das Ganze noch hingehen kann. Weißt Du, ich werde alt und ich will stolz auf meine Musik sein, wenn ich 40 bin.

DEAD: Deine Texte sind ja introspektiver, persönlicher geworden. Wie passt das damit zusammen, dass Du jetzt mit einer Band unterwegs bist?

Ich versuche die Welt wie sie ist, so wie ich das sehe, zu dokumentieren, ohne dabei aber eine Revolution zu fordern – ich mache keine Verbesserungsvorschläge.

SOLE: Es ist einfacher, diese starken Gefühle auszudrücken, wenn man mit organischen Instrumenten zusammenspielt… Ja, die Platte ist auf jeden Fall sehr persönlich geworden, aber zugleich spreche ich auch generell vom individuellen Kampf innerhalb des großen Ganzen. Mein Kampf (struggle) unterscheidet sich eigentlich nicht grundlegend von dem anderer. Ich fahre ja auch keine Limousine, gehe nicht jeden Tag zum Essen; nein, ich bin echt am kämpfen, bei allem. Man muss immer kämpfen, vor allem in Amerika. Amerika ist am Sterben. Ich versuche die Welt wie sie ist, so wie ich das sehe, zu dokumentieren, ohne dabei aber eine Revolution zu fordern – ich mache keine Verbesserungsvorschläge.

DEAD: Willst Du also einfach dein Statement abgeben? Willst Du die Leute wachrütteln? Oder geht es darum, jemandem, der ähnlich denkt, das Gefühl zu geben, nicht allein zu sein?

SOLE: Ich denke nicht darüber nach, was genau das, was ich schreibe, bedeutet, beziehungsweise welchen Effekt es beim Zuhörer erzielt. Ich mag, wie diese, meine Wörter zusammen funktionieren: Das ist was ich denke, das ist was ich fühle, und so sage ich es. Ich mag die Vorstellung, einen Einfluss auf Leute zu haben. Es tut gut zu wissen, dass Leute mir zuhören. Ich versuche, den Leuten Munition zu geben, habe hier und da kleine Dinge anzumerken und Leute, die wirklich zuhören, finden für sich vielleicht einen bestimmten Satz wieder und fragen sich dann: „Wie kommt er da drauf?“, denken drüber nach, suchen im Internet und entdecken vielleicht etwas Neues. Und das mag ich.

Ich glaube nicht, dass die Ureinwohner Amerikas so etwas wie Leistungsangst hatten. In seinem Leben gefangen sein, um Geld zu verdienen, zum Arbeiten gezwungen sein, einfach nur um essen zu können – davon spreche ich!

Nachdem ich ein paar Jahre in Europa gelebt hatte und rumgereist bin, wurde meine Vorstellungen immer wieder zerschlagen. Was in meinem Kopf vorgeht, ist ziemlich abgedreht und letztlich ein Produkt dieser Gesellschaft. Überall findest Du zwanghaftes Verhalten. Ich glaube nicht, dass die Ureinwohner Amerikas so etwas wie Leistungsangst hatten. In seinem Leben gefangen sein, um Geld zu verdienen, zum Arbeiten gezwungen sein, einfach nur um essen zu können – davon spreche ich!

DEAD: Du redest zumeist von persönlichen Kämpfen und Sorgen. Würdest Du dich trotzdem als fröhlichen Menschen bezeichnen?

SOLE: Ja, ich denke schon! Ich lache viel. Was mich glücklich macht, sind sehr persönliche Sachen: Verheiratet zu sein und mit einer Frau zusammen zu leben, die ich wirklich liebe. Blumen zu pflanzen und diese wachsen zu sehen. Kochen und Spazierengehen. Es sind die einfachen Dinge, die ich mag. Auch das Hier und Jetzt – mit den anderen Jungs zu spielen. Ich hatte noch nie soviel Spaß beim Musikmachen! Ich bin wirklich ein glücklicher Mensch. Natürlich gibt es Dinge, die mich unglücklich stimmen, wie das halt so ist. Aber davon sollte man sich auch nicht so sehr einnehmen lassen. Ich würde mich mein ganzes Leben lang aufregen müssen, wenn ich nicht abschalten könnte. Das habe ich in Spanien gelernt. In Amerika musst Du pausenlos funktionieren. Und plötzlich bist Du 27 und merkst: Hey, ich war ja eigentlich noch nie im Urlaub, um mich zu entspannen. Man braucht gesunde Beziehungen zu Freunden. Du kannst nicht mit Leuten zusammen sein, die dich runterziehen und dir die ganze Zeit sagen, wer du zu sein hast – du solltest wissen, wer du bist!

Wenn du in einer Situation bist, mit der du unzufrieden bist, musst Du sie ändern. Es bringt nichts, sich nur zu beschweren. Zum Beispiel: „Ich hasse Idaho!“, oder „Ich hasse mein kleines deutsches Dorf!“, „Ich muss hier weg!“ – und nach 10 Jahren bist du immer noch da. Im Leben musst du Risiken eingehen und klar, man macht auch Fehler. Ich habe viele Fehler gemacht. Damit muss man klarkommen. Zum Beispiel hab ich gestern meine Kiste mit Merchandise beim letzten Konzert vergessen und jetzt muss ich gute 300 km Umweg machen, um die Sachen zu holen. Sowas kotzt schon echt an!

DEAD: Als HipHop für viele irgendwie langweilig wurde, waren Du und Anticon zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Für viele bist Du ein Held. Aber letztlich sind es weltweit doch nur ein paar Leute, die eure Musik hören. Ist das nicht irgendwie deprimierend?

SOLE: Ja, total. Das macht mich echt sauer. Die Leute sind wirklich Idioten. Ich meine, schau Dir 13&God an! Und solche Leute kommen nicht auf ein Rolling Stone-Cover? Oder sowas wie The Notwist – das ist doch echt etwas Großartiges!

Um ehrlich zu sein: Ich finde, ich sollte reich sein. Ich sollte mir nicht um Dinge wie die Stromrechnung Sorgen machen müssen. Das letzte Jahr war finanziell gesehen echt schlimm. Und jetzt spiele ich auch noch mit einer Band, muss die Einnahmen teilen. Aber all das sind bewusste Entscheidungen, jeder auf Anticon macht bewusst die Entscheidung, keine „Bullshit-Music“ zu machen, Musik für hippe Kids. Wir machen Musik, an die wir glauben. Andernfalls würden wir „normalen“ Jobs nachgehen. Trotzdem, es ärgert mich schon, wie Anticon immer in so eine Ecke gedrängt wird. In Amerika sieht man es als das „whacky white boy thing“. Die Medien nehmen Anticon nur als ein großes Ganzes wahr, nicht die einzelnen Künstler mit vollkommen unterschiedlichen Stilen. Da heißt es dann, Anticon sei verrückt, weiss und so. Aber wir sind ja gar nicht so verrückt. Keine langweilige Musik zu machen ist doch nicht gleichzusetzen mit „verrückt“. Es ist nun aber auch kein wirkliches Problem, keine 100.000 $ unter der Matratze zu haben. Ich bin ja schon dankbar, dass ich das hier überhaupt machen kann. Ich war eben zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Es ist ja nicht so, dass ich einzigartige Skills hätte – ich lese und schreibe, also hätte es letztlich jeder sein können. Ich bin echt froh, dass ich jetzt hier sein kann, aber ich würde damit schon gerne mehr verdienen. Integrität ist mir trotzdem lieber als eine Million Dollar. Das Leben ist ein ständiges Geben und Nehmen.

DEAD: Erlebst du oft solche Spannungen zwischen Kunst und Business?

SOLE: Kunst ist Business. Und irgendwie muss halt Geld reinkommen. Die Musikindustrie ändert sich so schnell, und man muss sich Gedanken über Geld machen, wenn man Vollzeit-Musiker sein will. Jetzt kaufen die Leute beispielsweise mehr MP3s. Was für Deppen kaufen denn MP3s? Aber auf so etwas muss man sich eben einstellen. Ich habe zum Beispiel angefangen, meine Platten direkt über das Internet zu verkaufen, also muss ich jetzt auch regelmäßig zur Post laufen. Aber dadurch verdiene ich auch mehr, als durch rumsitzen.

DEAD: Generell sind die Plattenverkäufe zurückgegangen, ist das bei deinen Sachen ähnlich, oder sprichst du einen speziellen Hörerkreis an, der besonders treu ist?

SOLE: ´Weiß nicht genau. Bei „Selling Live Water“ waren es etwa 30.000, „Live from Rome“ zwischen 15 und 20.000, „Bottle of Humans“ gute 20.000. Bei meinen anderen Solosachen, die ich selber produziere, ein paar tausend. Vielleicht sollte ich darüber echt besser Bescheid wissen. In der Summe sollen die Verkäufe in den USA um 30% gefallen sein. Knapp 20% von meinem Absatz mache ich allein in Europa.

DEAD: Was können wir in Zukunft von Dir und der Band erwarten?

SOLE: Wir werden als Band an einem neuen Album arbeiten. Ich merke, dass ich näher an das rankomme, was ich wirklich versuche zu machen. Ich hätte auch Lust, mal eine Liveplatte zu machen. Und natürlich werde ich auch weiter über Beats rappen, aber es war für mich echt scheiße: Da habe ich ein Album mit Alias gemacht, wollte auf Tour gehen, er aber nicht. Es ist doch blöd, Musiker aufzutreiben, die diese Sachen dann nachspielen. Das fühlt sich nicht gut an für mich. Ich will da mit Freunden stehen, mit etwas, an dem wir gemeinsam gearbeitet haben und an das wir glauben.

Und von diesem Glauben konnte er die im Ausland Berlin versammelte Gemeinde auch restlos überzeugen. Die neuen Songs wurden lautstark bejubelt, die alten Hits euphorisch gefeiert. Bemerkenswert war auch die Performance des Gitarristen/Violinisten William Fritch, von dem wir in Zukunft bestimmt noch hören werden. Das Highlight des Abends war jedoch die gemeinsame Freestylesession mit Bleubird, deren gemeinsame Energie live wohl kaum zu übertreffen ist. Zeit, sich Gedanken zu machen, ob man das Album nicht doch noch kauft!?

http://soleone.org/
Published in DEAD Magazine Issue IV
Text:
Foto(s): Christian Netter
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