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deadwords » interviews 26.01.2008
Ohmacht – Von Schafen und Menschen

Der Schweizer Produzent Mattr machte sich die letzten Jahre vor Allem mit seinem Album „mattr. & friends – consequence of thoughts“, auf welchem er The Mole, Ancient Mith, Terms of None und Demune remixte, sowie mit seiner 2005 auf dem mittlerweile geschlossenen Label Subversiv erschienen 12″ einen Namen. Im Spätjahr 2007 erschien nun sein erstes Rap-Album unter dem Alias „Ohmacht“ – „sprachlos“.

DEAD: Inwieweit trifft dich die Schließung von Subversiv und wie ordnest du sie in die aktuelle Entwicklung der Musiklandschaft ein?

Mattr.: Das Ende ist ein Anfang. Kreise sind überall. Weisheiten purzeln über glitzernde Blumenfelder. Natürlich ist es bedauerlich, dass Subversiv nicht weitergeführt wird, aber es hatte sich ja bereits abgezeichnet. Viele Künstler schätzen die Arbeit solcher „Figuren“ und Labels nicht genügend. Die Konsumenten sind egoistisch und unersättlich und werden vom legalen wie vom illegalen Angebot erschlagen. Immer mehr für immer weniger Geld! Die Musikszene zerstört sich selbst. Aber alles wird gut werden und schon bald tänzeln wieder Blumenkinder durch die schwarzen Städte, genießen das Zwitschern der Vögel und malen die Welt mit Liebe an.

DEAD: Was bedeutet für dich Musikmachen? Inwieweit skizzierst du in deinen melancholischen Motiven persönliche Stimmungen und Gefühle?

Mattr.: Ich suche das Niederschmetternde und kann mich daran einfach nicht sattsehen. Ich sauge die Traurigkeit in mir auf, sammle sie in einem riesigen Deepnessreservoir an, bis es zu explodieren droht und befreie mich dann innerhalb weniger Stunden von allen niederschlagenden Gefühlen. Ich möchte mit meiner Musik erreichen, dass sich aufgetakelte Kleinstadtmädchen zu meiner Musik weinend in Ekstase tanzen und dann, erschöpft im Tränenwasser sitzend, von den in ihnen verborgenen Gefühlen zärtlich umarmt und gestreichelt werden. Musik ist Leben. Ich atme Musik. Ich bin Musik. (pfeifen)

DEAD: Du warst auf Reisen und hast Menschen besucht, mit denen du Musik machst. Wo warst du, welche Erfahrungen hast du mit nach Hause getragen und was ergibt sich daraus für deine zukünftige Arbeit?

Mattr.: Seattle, Vancouver, Banff, Edmonton, Saskatoon, Regina, Calgary, New York. Ein Auf und Ab. In jeglicher Hinsicht. Ich traf Geneva b, Maki, Epic, Nolto, Neila, soso, Chaps, Selfhelp, Epic, Matre, Iralee und war mit Busdriver Sushi essen. Ich beklage mich über vieles und zelebriere das Jammern in höchster Perfektion, aber die Zeit in Kanada war wirklich bereichernd. Das schöne an unserer „Szene“ ist doch, dass man in fremde Länder reisen kann und während mehrerer Wochen bei Menschen wohnen darf, die man nur aus der falschen, unpersönlichen Myspacewelt kennt. Viele Begegnungen waren sehr herzlich. Besonders die Begegnung mit Ira Lee war sehr wertvoll. Kanada, Ira Lee und ich – Wir waren ein Herz und eine Seele und gingen oft Blumen pflücken.

DEAD: Was denkst du wo deine musikalische Entwicklung dich hinführen wird? Wie klingen mattr. Beats in 5 Jahren?

Mattr.: Yellowstone wird so vieles verändern. Ich sehe mich bereits mit meinem kreidebleichen, ausgemergelten Sohn auf einer verlassenen Straße wandern. Es wird dunkel sein und die Atemorgane werden langsam versagen… Ich möchte mich noch stärker dem Komponieren widmen. Gefühlvolle Beats, die feingliedrige Mädchen und kahle Greise zum bitterlichen Weinen bringen. Eventuell werde ich mich auch vermehrt der Filmmusik widmen. Aber ich muss vorsichtig sein: zu viel Erfolg würde mich verwirren und verstimmen.

Unter dem Namen Ohmacht veröffentlichte der Schweizer Ende 2007 seine Vision eines Rap-Albums: „sprachlos“. Auf diesem widmet er sich Themen wie Tod, Glauben, Liebe, Einsamkeit und immer wieder seinen Lieblingstieren: Schafen.

DEAD: Was hat es mit deiner Affinität zum Schaf auf sich?

Schafe sind einfach wohlgeformter und wirken häufig sehr nachdenklich. Ich führte gute Gespräche mit ihnen. Schafe sind äußerst rebellisch.

Ohmacht: Ich verbrachte meine Kindheit in einem überschaubaren Dorf und begegnete auf meinem steilen Schulweg auch allerlei mein Interesse weckenden Kreaturen. Hauptsächlich pinkfarbenen Einhörnern, Plüschkühen und Schafen. Schafe sind einfach wohlgeformter und wirken häufig sehr nachdenklich. Ich führte gute Gespräche mit ihnen. Schafe sind äußerst rebellisch. Kühe dagegen sind häufig etwas gelangweilt und warten in einer ihnen eigenen Seelenruhe auf ihre Verwurstung. Auf meinem Nachttisch ist ein Schafskopf platziert. Manchmal lächelt er mich an.

DEAD: Welche Rolle spielt für dich das Unausweichliche, Unbegreifliche der Thematik Tod, inwieweit hilft dir das Schreiben, die Angst davor zu verarbeiten?

Ohmacht: Die Erkenntnis der eigenen Endlichkeit ist eine große und bedeutende. Der Tod hat mich schon lange geängstigt und mich teilweise in absonderliche Zustände versetzt.
Alles andere als über den Tod zu schreiben, schien mir sinnlos und als Verschwendung von Zeit und Energie. Ich wäre manchmal froh, gläubig zu sein und blind einem Gott vertrauen zu können. Ich beneide Gläubige jeglicher Konfession. Atheisten belächle ich. Zu viel Verstand schädigt. Man sieht nur mit dem Herzen gut. (lacht)

DEAD: Wie siehst du das Älterwerden? Wie verändert sich für dich der Bezug zu Themen wie Leben, Glauben und Tod, den Gefühlen, Problemen der „Jungen“ und zum Hip Hop?

Ohmacht: Das Älterwerden schüchtert ein und lässt mich frösteln. Alles ist auf den Tod ausgerichtet. Das Leiden ist unausweichlich. Das Abschiednehmen von wichtigen Menschen erschüttert und wird immer erschüttern. Ich bin selten entspannt und versuche doch zu leben. die moderne Scheibenwelt bietet vielfältige Möglichkeiten zur optimalen Ablenkung von zentralen Fragen. (Pause) Rap steckte während vieler Jahre in seinen himmelfarbenen Kinderschuhen, doch manchmal beschleicht mich das Gefühl, dass er sich vor der Jugend fürchtet und sich lieber zurückentwickelt. Kommerzieller Rap ist ein Embryo.
Tief in meinem Innern bin ich ein glückliches Bergkind. Es jodelt in mir. Mein Leben ist bestimmt vom ständigen Kampf zwischen einem spittenden Hardcorerapper und dem jodelnden Schmusesänger, zwischen Blumenwiese und zerbombter Großstadt. Der Kampf wird bald entschieden sein.

Published in DEAD Magazine Issue IV
Text:
Foto(s): Ohmacht
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