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deadwords » interviews 26.01.2008
Noah23 – Worshipping Chaos

Noah23 ist wohl das, was man eine Underground-Legende nennt. Mit mehr als 10 Alben und unzähligen Nebenprojekten und Features hat er sich die letzten knapp 10 Jahre über eine solide Fanbase geschaffen, die geduldig auf die nächste Veröffentlichung des Kanadiers wartet. Im Anschluss an den Offenbacher Tourstopp sprach er sehr offen über seine Zukunft, Songtexte und seine Art, die Welt zu verstehen.

DEAD: Du veröffentlichst sehr viel und hast viele Neben-Projekte, das meiste davon ist jedoch nicht oder kaum in Europa erhältlich. Könntest du deine letzten Alben aufzählen?

Noah: Letztes Jahr kam „Clout“, „The Fool“ und „Crunk23“ heraus. (überlegt) Außerdem noch eine sehr kleine CD, eine 3″; ich habe noch einige Sachen mehr, z.B. „Weird Apples“ ist komplett fertig und soll ungefähr einen Monat nach der Tour herauskommen.

DEAD: Gibt es einen Unterschied zwischen deinen CD-R Alben und den „größeren“ Releases über 2nd Records?

Noah: Irgendwie schon, aber auch nicht wirklich. Der größte Unterschied liegt wohl im Wert der Produktion, dem Mastering – schlicht im besseren Sound. Die Aufnahmen von „Jupiter Sajitarius“ haben sehr lange gedauert, bei manchen von meinen anderen Alben war das anders, wobei das auch immer auf das jeweilige Projekt ankommt.

DEAD: Wann können wir den wieder mit einem „richtigem“ Album rechnen?

Noah: Eigentlich war es für diese Tour geplant. Das Album sollte „Crab Nebula“ heißen. Aber ich bezweifle, dass es überhaupt herauskommt, da 2nd Records nicht mehr wirklich viel machen und außerdem ihr Vertrieb „Hausmusik“ pleite gegangen ist. Aber ich arbeite schon an etwas Neuem. Ich denke, es wird mein bis dahin bestes Album werden mit viele Gästen. Auf jeden Fall kann man mit Ceschi rechnen, vielleicht Staplemouth; natürlich werden wieder viele von meiner Crew Plague Language mit dabei sein: Baracuda, Livestock – außerdem hoffe ich noch, etwas mit K-The-I??? aufnehmen zu können. Darüberhinaus ist Cadence Weapon auf dem Album. Ich weiß nicht, ob die Leute ihn hier schon kennen, aber er ist ein wirklich vielversprechender Künstler und wird gerade auch sehr bekannt.

DEAD: Manche denken, dass deine Texte nur aus Wiederholungen von willkürlich aneinandergereihten Begrifflichkeiten, Namen und Referenzen bestehen, dass sie also relativ sinnfrei oder ohne wirkliche „Message“ wären. Hast du so etwas wie eine generelle Absicht, gibt es einen Gedanken, der deine Songs verbindet oder unterscheidet sich das von Song zu Song?

Noah: Ich habe schon so etwas wie wiederkehrende Motive in meinen Songs. Manche beziehen sich aufeinander, aber das meiste ist Poetry, also einfach Wörter… Aber sie haben Bedeutung und sind nicht einfach nur zusammengeworfen! Es geht mir viel um das Gefühl und den Klang der Wörter. Die Referenzen sind dabei wie ein Hypertext: das eine Wort führt dich zum nächsten, alles greift ineinander – wie ein großer Song.

DEAD: Glaubst du, mit deinen Verweisen und den Motiven, die du verwendest, bringst du Leute dazu, Sachen nachzuschlagen?

Noah: Oh ja, definitiv!

DEAD: Und denkst du, das ist ein besserer Weg, um die Leute zum Denken zu bringen? Also, anstatt zu sagen: Das und das ist schlecht, und der oder das ist schuld, dass alles so schlecht ist…

Noah: Ja! Warum nicht? – Ich setze meine Songs einfach aus und für die Leute, die sie finden, ist das ja grade interessant. So wie eine Schatzsuche: „Oh, das ist aus dem Film!“, „Ah, diese Zeile ist aus dem Buch…“, „und das hat er aber daher“. Es macht Spaß; du gräbst den Diamanten aus.

DEAD: Mit was beschäftigst du dich momentan? Irgendwelche Bücher oder Theorien?

Noah: Oh ja! Zum Beispiel 2012 – das ist die Theorie, nach der die Welt im Jahr 2012 untergehen wird, dem Jahr in dem der Kalender der Maya endet. Viele denken, dass sich die Welt zu diesem Zeitpunkt sehr verändern wird. Ansonsten beschäftige ich mich gerade mit Fulcanelli, einem französischem Alchemisten. Ein sehr esoterischer Kerl. Ich versuche ein wenig über ihn und sein Buch „Das Geheimnis der Kathedralen“ zu lernen. Ich versuche immer ein wenig neues zu lernen – in den verschiedensten Theorien.

DEAD: Mit populäreren Theorien oder Philosophen wie Kant oder Marx scheinst du dich eher nicht auseinanderzusetzen?

Noah: Nicht wirklich. Ich weiß kaum etwas über Kant und mit dem Marxismus habe ich mich beschäftigt als ich 14 war, und das ist jetzt wiederum schon fast 15 Jahre her. Ich interessiere mich auch nicht für Realpolitik, überhaupt nicht. Mystizismus interessiert mich und Spiritualität und dann vielleicht noch wie das eventuell auf die Politik einwirkt. Eine Art moderner spiritueller Schamanismus. Ich bin sehr an psychedelischen Drogen interessiert. Die Realität spielt sich in deinem Verstand ab, die Welt ist in deinem Kopf, deshalb beschäftige ich mich auch soviel damit…

DEAD: In deinen Songs hast du aber auch durchaus politische Ansagen?

Noah: Ich bin aufgewachsen mit sozialistischen und kommunistischen Theorien. In diesem Sinn bin ich sehr politisch. Im Grunde genommen bin ich Anarchist: Ich glaube nicht an die Regierung, an die Polizei und ich glaube nicht an das Rechtsgesetz. Ich glaube an das natürliche Gesetz des Chaos. Ich verehre das Chaos als kreative Kraft des Universums. Ich glaube nicht, dass Kapitalismus „alles“ ist. Ich habe dabei nicht nur
einen Standpunkt, das finde ich langweilig. Aber ich bin gegen Unterdrückung und Gewalt und versuche
das dann eher aus verschiedenen Richtungen anzugehen und zu bekämpfen.

DEAD: Was sind deine Pläne für die Zukunft, musikalisch und persönlich?

Noah: Ich ziehe meine kleine Tochter groß und versuche mich um meine Familie zu kümmern. Wie schon gesagt, arbeite ich an meinem Album, welches das beste sein wird, das ich je machen werde! Vielleicht ist es mein letztes… Danach werde ich sterben, um wieder zurückzukommen und ein Comeback zu starten! Jedenfalls hoffe ich, es in einem Jahr veröffentlichen zu können.

http://noah23.tumblr.com/
Published in DEAD Magazine Issue IV
Text:
Credits: Interview by Patrick Schwendtke
Foto(s): Max Winter
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