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deadwords » interviews 22.08.2007
XNDL – Ein Interview…

Wer sich für Rap-Musik abseits der üblichen Genrekonventionen interessiert, der ist früher oder später mit Sicherheit über einen der Releases des deutschen Labels *subversiv gestolpert. Seit knapp 6 Jahren released man dort u.A. Gunporn, Shadow Animals, Cavemen Speak, Bleubird, Restiform Bodies, Soso, Epic, RushYa!, die zweite Generation des LA Underground – Viele dieser Künstler würde man in Deutschland wohl garnicht kennen, gäbe es nicht *subversiv und deren Offbeat-Sampler.

XNDL, einer der Gründer des Labels, ist für viele zu dessen Gesicht geworden. Er zeichnet sich verantwortlich für die Produktion der Gunporn und RushYa! Releases, diverse Solo-Alben und Remixes, kümmert sich um einen großen Teil der Labelarbeit und ist zudem seit Jahren als DJ aktiv. Wir sprachen mit ihm u.A. über die derzeit prekäre Lage der Indie-Labels, die unterschätzten Gefahren des File-Sharing und die letzten Refugien künstlerischer Freiheit:

DEAD: Aus welcher „Szene“, würdest du sagen, kamst du, als *subversiv records gegründet wurde?

XNDL:Ich fühle mich bis zum heutigen Tag und auch davor keiner musikalischen „Szene“ zugeordnet. Ich höre  alles gerne, was speziell ist: von Metal, Hardcore bis Breakcore / harte Elektronik – In letzter Zeit etwas weniger von den HipHop-Geschichten. Generell finde ich musikbedingte „Szenen“ eher uninteressant, weil sie einen nur einschränken und ansonsten nichts bringen, außer dass man Geld für irgendwas ausgibt, das man nach dem Wechsel in eine neue Szene ohnehin nicht mehr gebrauchen kann, wie Klamotten, Platten usw.

Meine Wurzeln lagen viele Jahre im Skateboarding /BMX-Bereich und dort ist man musikalisch offen. Das ist sicherlich auch ein spezieller Menschenschlag, dem ich mich auch heute noch verbunden fühle.

DEAD: War dieser Hintergrund wichtig für dich? In welcher Weise hat er dich dahingehend beeinflusst, diesen  düsteren, skizzenhaften Sound, der die *subversiv-Realeses oft ausmacht, zu eurem „Markenzeichen“ zu machen?
XNDL: Jeder Hintergrund ist generell wichtig und beeinflusst maßgeblich den Output und in dem Fall die Auswahl der Releases. Schön und interessant, dass wir in deinen Augen ein Markenzeichen haben und uns scheinbar von anderen differenzieren! Ich kann das selbst nicht beurteilen und wir hatten meines Wissens nach auch nie vor, so etwas zu kreieren. Hauptsache es erweckt überhaupt eine Emotion beim Hörer und schafft ein gewisses Bild einer Organisation und Intention. Mit deinem Bild und der Beschreibung kann ich allerdings gut leben…

DEAD: Internet und MP3-Downloads sind ja schon seit ein paar Jahren abwechselnd für Aufschwung und Niedergang grade der kleinen Labels verantwortlich – inwieweit bekommt ihr das zu spüren?

XNDL: Ehrlich gesagt, denke ich, dass es keinen Aufschwung für kleine Labels durch Downloads gibt, inklusive der „legalen“; finanziell gesehen. Und auch der Promo-Effekt ist meiner Meinung nach absolut vernachlässigbar. Man gräbt sich letztendlich das eigene Wasser mit „net-only-releases“ ab, denn viele unserer schwer erarbeiteten Kunden wollen das gar nicht haben (mich eingeschlossen) und man verliert wohl einen beträchtlichen Teil derer, egal wie gut das Release letztendlich ist.

Neukunden kommen auch kaum dazu, weil keine der großen Onlineplattformen die Sachen gut präsentiert und verkauft, beziehungsweise weil so etwas für diese Art von Musik gar nicht erst existent ist. Die Presse interessiert sich sowieso nicht für Labels wie uns, die keine Anzeigen schalten (wollen). Deswegen auch eine Verbeugung vor Euerem Magazin und der Handvoll anderer Institutionen, die sich für Labels wie Subversiv* interessieren.

Dazu kommen massig schwarze Schafe im „Online-Vetriebs-Bereich“ und noch weniger Transparenz in Bezug auf die Verkäufe, als wir sie sonst schon haben. Praktisch gesehen ist es jedoch die größte Verarsche für die Künstler selbst: Sollen sie bei Konzerten MP3-Gutscheine am Merch-Table verkaufen? – Lächerlich! Unsere Künstler kriegen vorrangig Freiexemplare ihrer Platten, die sie auf Konzerten verkaufen um damit ihr Geld zu verdienen.  Kein Indie-Label wird seine Künstler mit großen Geldsummen bezahlen können. Da ist man doch vom Verkauf von Hardware von allen Seiten abhängig; was auch gut so ist.

„Sinnlose Argumente wie „Promo für den Künstler… Ich kaufe dann die Platte später nach…“ kann ich gar nicht erst nachvollziehen und widerlege die gerne mit Zahlen. Letztendlich bedeutet kein Umsatz, keine neuen Releases und das tut allen Beteiligten weh.“

Wir haben auch ein paar Releases alternativ Online angeboten. Das Ergebnis war nicht so toll, würde ich das mal umschreiben. Den paar Euros die du dort verdienst, kannst du dann noch ewig hinterherlaufen und letztendlich findet man dann das Release auf irgendwelchen Seiten im Angebot, denen man das nie angeboten hatte. Schau dich mal nach der Offbeats 3 CD als Download um: Wir haben noch keinen Cent dafür gesehen und das Teil wird von einigen Plattformen kommerziell angeboten! Das ist meine persönliche Erfahrung und es nervt einfach nur, weil einem komplett die Kontrolle verloren geht, die ja letztendlich ein Indie-Label ausmacht. Falls es wirklich sowas wie einen guten Online-Vertrieb gibt, kann man mich gerne anmailen und meine eher negative Einstellung möglicherweise umkehren. Diese ganzen anderen Geschichten wie „illegale“ Tauschbörsen bringen weder dem Künstler noch dem Label was. Sinnlose Argumente wie „Promo für den Künstler… Ich kaufe dann die Platte später nach… usw.“ kann ich gar nicht erst nachvollziehen und wiederlege die gerne mit Zahlen. Ist mir aber immernoch lieber, als wenn irgendwelche Arschlöcher in Russland oder sonstwo unsere Platten kommerziell und ohne Einverständnis zum Download anbieten und möglicherweise sogar noch daran verdienen. Letztendlich bedeutet kein Umsatz, keine neuen Releases und das tut allen Beteiligten weh.

Ach ja, zurück zur Frage: Jeder, den ich so in letzter Zeit gesprochen habe, bekommt es zu spüren. Egal, ob Label, Plattenhändler, Künstler oder Vertrieb. Das Tonträgergeschäft ist rückläufig die letzten 2 – 3 Jahre und wer was anderes behauptet, der hat entweder ein super Marketing, einen guten Vetrieb, gute Connections, Glück oder er ist ein Lügner…

DEAD: Ein interessantes Phänomen, das mir zumindest erst in den letzten Jahren aufgefallen ist, ist das grade bei Rap-Konzerten a) die Zuschauer schwinden und b) gefühlte 3/4 der Zuschauer selber Musiker sind oder sich für welche halten. Das steht ja auch in Zusammenhang mit dieser Internet-Philosophie „jeder kann, darf und kriegt alles, was er will“. Was macht für Dich einen Rapper, DJ, Producer, einen Künstler aus? Gibt es da überhaupt noch Kriterien abseits von Plattenverkäufen und Message-Board-Prominenz?

„Man muss sich nun schon mehr anstrengen, als noch vor 3-4 Jahren und dann sieht man auch, wer das wirklich gerne und mit Überzeugung macht, was uns zum Hauptkriterium eines „echten“ Künstlers führt: Durchhaltevermögen und die Courage, auch für ´ne Handvoll Leute noch was zu machen.“


XNDL: So sehe ich das auch… Die Besucherzahlen sind rückläufig und das Interesse scheint immer geringer zu werden an dieser Art von Musik.  Gründe sind möglicherweise das zunehmende Alter der Fans und ihr schwindendes Interesse, Abwanderung zu anderen Stilen oder Trends, Langeweile oder schlichtweg die langweilige und lieblos dargebrachte Musik ohne Aussage, die keinem zum Kauf/Konzertbesuch animiert. Die jungen Hörer kommen auch nicht wirklich nach und hören lieber die angesagte Massenware oder Doof- und Goldketten-Rap.

Man muss sich nun schon mehr anstrengen, als noch vor 3-4 Jahren und dann sieht man auch, wer das wirklich gerne und mit Überzeugung macht, was uns zum Hauptkriterium eines „echten“ Künstlers führt: Durchhaltevermögen und die Courage, auch für ´ne Handvoll Leute noch was zu machen. Es bringt nichts, wenn mich jeder im Netz kennt und ich dann aber nichtmal 50 Einheiten pro Release loskriege. Das scheinen einige aber noch nicht ganz begriffen zu haben. Massive Netz-Präsenz heisst nicht zwangsläufig große Akzeptanz und finanziellen Erfolg auf breiter Basis. Wenn man realistisch ist, kennt uns und die meisten anderen artverwandten Künstler/Labels eh keiner außerhalb des Internets. Da hilft auch das gehype durch Kumpels/Alter-Egos und gegenseitiges Eierschaukeln in einschlägigen Foren nichts. Das sind nämlich nicht die potentiellen Kunden, sondern die, die downloaden oder Promos abgreifen.

DEAD:Worin liegen demnach die Chancen für Indie-Künstler bzw. Labels? Sixtoo meinte neulich in einem Interview, er würde Platten nur noch als Promotion-Tools sehen und selbst das würde wahrscheinlich auch nur solange funktionieren, wie die Konditionen seines Plattenvertrags stimmen – auch wenn das wohl eine recht impulsive Antwort von ihm war: Ist das vielleicht schon ein Ausblick in die nahe Zukunft?

XNDL:Ich denke er hat leider nicht ganz unrecht. Man wird in Zukunft wohl wieder verstärkt versuchen müssen, direkt an die Leute zu kommen und ihnen irgendwie die Kohle locker zu machen. Sprich auf Konzerten, über die Medien usw. Pech hat man dann nur, wenn man nicht riesige Booking-Agenturen und Marketing im Rücken hat, das einem großes zahlungskräftiges Publikum garantiert. Wenn die Platten letztendlich wirklich auf Promogegenstände reduziert werden, wird´s finster, denn kein kleines Label gibt 1000-1500 Euro für Promo aus. Aus welchem Grund auch? Die Chancen für Künstler sind halt unter anderem, dass man flexibel bleibt und unabhängiger als bei einem großen Label, das auch nicht immer die dicke Kohle für den Künstler garantiert. Wenn man als Indie-Künstler fleissig tourt und seinen Kram verkauft, kann man davon schon ansatzweise Hartz4 Niveau erreichen und möglicherweise auch Releases ohne Label in Eigenregie rausbringen. Des Weiterem ist man keinem Rechenschaft schuldig über die Art der Musik, Kollaborationen, usw. weil meist keine Verträge zwischen Label und Künstler bestehen.

DEAD: Wie funktioniert die Aufteilung zwischen Labelarbeit und Musik-Produzieren bzw. Auflegen und wo siehst du dich in 5 Jahren (als Künstler)?

XNDL: Die Aufteilung mache ich nach Lust und Laune. Die Labelarbeit lasse ich ehrlich gesagt im Moment etwas schleifen, weil ich mich auf andere Sachen konzentrieren muss. Auflegen/Live läuft eher sporadisch, aber seit über 10 Jahren konstant und Musik mache ich eigentlich regelmäßig. So als Ersatz für Fernsehen, einfach eine ungezwungene Freizeitbeschäftigung. Nicht mehr und nicht weniger. Ich werde in 2 Monaten mein zweites Studium abschließen und habe glücklicherweise schon einen irreal guten Job in ´nem Riesen-Unternehmen ab August in der Tasche. Das bedeutet schlussfolglich auch, dass ich mich im musikalischen Bereich zeitlich etwas einschränken muss. In anderen Worten: Ich sehe mich jetzt schon nicht als Künstler und in 5 Jahren werde ich noch weiter davon entfernt sein und möglicherweise nur noch für mich privat Musik machen oder gar nicht mehr. Ich lasse die Frage mal halb-offen stehen, aber eine „Karriere“ als Künstler schließe ich mit hoher Wahrscheinlichkeit aus. Ich bin da eher Realist mit Tendenz zum Pessimismus und auch keine 20 mehr… Aber: Wenn es die Möglichkeit gäbe, da professioneller einzusteigen, bin ich dabei!

DEAD: Wie kam die Verbindung zu Project Mooncircle / Botanica del Jibaro zustande und wie eng arbeitet ihr zusammen?

XNDL: Ich weiss gar nicht mehr, wie´s kam und wann genau. Vor 2-3 Jahren denke ich mal und über´s Internet… wie immer halt. Gordon (Project Mooncircle) ist seitdem ein guter Freund geworden und mehr als nur ein Geschäftspartner. Wir helfen uns gegenseitig aus und arbeiten so oft zusammen, wie möglich. Muss nicht immer offensichtlich und kann auch manchmal nur ein Rat oder eine Gefälligkeit sein. Wir haben musikalisch einen etwas anderen Fokus, was aber nicht heißt, dass keine Berührungspunkte bestehen und genau da setzen wir dann an und ziehen gemeinsam Projekte auf. Zudem kommt von seiner Seite regelmäßig Artwork und unsere Drucksachen lassen wir auch bei ihm machen. – Kann ich nur weiter empfehlen: schnelle und sehr gute Arbeit zu günstigsten Konditionen.

Die Botanica Leute habe ich letztes Jahr und vor 2 Jahren persönlich auf Tour getroffen, was mich sehr gefreut hat. Sind erwachsene Leute mit Rückgrat und eigenem Stil und ziehen konsequent ihre Sache durch. In dem Business sind ein Haufen Volldeppen und Dummschwätzer, da freut man sich über gute Bekanntschaften umso mehr und versucht diese dann auch zu pflegen.

DEAD: Welches sind eure Projekte für die nahe Zukunft?

XNDL: Als nächstes steht erstmal die lang erwartete Offbeats 3.1 Vinyl-Version an: Die wird wohl Juni kommen, wenn ich´s gebacken bekomme. Das Artwork kam wieder von Chojin, ich muss nur noch die Texte draufpacken, das Teil mastern, abmischen und zum Presswerk schicken. Wobei „nur“ schon mehr Arbeit ist, als man denkt. Die wird auf jeden Fall, meiner Meinung nach, sehr interessant werden und einige neue Leute, neben bekannten wie Curse Ov Dialect oder auch Bleubird, vorstellen. Vorallem die unbekannten haben es mir angetan: Techno Sunrise oder Pastry Case sind grandios und auf der Platte wird es wieder eine bunte Mischung aus HipHop, Indie und Elektronik geben. Sollte für jeden was dabei sein.

Des Weiteren bin ich mit Ancient Mith am neuen Rushya Album und ein Solo-Album auf Vinyl würde ich dieses Jahr auch noch gerne rausbringen. Man wird sehen, was sich noch ergibt. Ich bin da generell offen und flexibel und ohnehin noch auf der Suche nach einem anderen Label, wo ich möglicherweise mein nächstes Ding rausbringen kann. Ich promote mich ungern selbst…

http://www.offbeaters.de/wordpress/xndl/
Published in DEAD Magazine Issue III
Text:
Foto(s): Susi Darling
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